KAPITEL 10
KAPITEL ZEHN – UNTERHALTUNG
" Bitaqir, die Valide hat doch tatsächlich eine Party organisiert, statt nur ein Abendessen, wie sie ursprünglich geplant hatte, aber warum bin ich eigentlich überrascht?" Nigar Kalfa sagte das mit einem sarkastischen Unterton und Bitaqir lächelte, weil sie sehr gut verstand, was Nigar meinte.
Nigar Kalfa wurde als Sklavin in den Palast gebracht, leider gab es damals keine volljährigen Prinzen, die Konkubinen aufnehmen konnten, und der König hatte kein Interesse an ihr. Sie sollte einen der Paschas heiraten, aber er starb kurz vor ihrer Hochzeit, und so wurde sie eine Kalfa - eine Palastmagd.
Aber wenn man sie ansah, und ihre Jugendlichkeit noch immer strahlte, könnte man meinen, dass eine lange Reihe von Männern auf sie wartete. Kalfa zu werden, hatte alle ihre Heiratschancen blockiert, da die Kalfas als die Niedrigsten galten.
Die Prinzen interessierten sich nicht für die älteren Frauen, also hatte sie ihr Leben in Einsamkeit ohne jede Form von Romantik verbracht.
Als dann Lady Aischa den König heiratete und Bitaqir empfing, wurde Nigar damit beauftragt, sich um das Baby zu kümmern, und so wurde das, was als Job begann, zu Nigars glücklichsten Momenten.
Nigar war seit ihrer Kindheit immer Bitaqirs persönliche Kalfa gewesen, und sie teilten eine viel tiefere Bindung, als man oberflächlich erwarten würde.
"Nigar, lästerst du über die Valide?" fragte Bitaqir, tat aber nur so, als ob sie es nicht gut findet, und musste am Ende lächeln. Als sie ihr Kissen richtig zurechtrückte, lagen sie und Nigar auf der Terrasse, und alle anderen Kalfas und Mädchen waren weg. Die Terrasse war ihr neuer Lieblingsort geworden, ruhiger und gelassener als der Garten selbst. Endlich konnte Bitaqir aus sich herauskommen und sich entspannen. Sie sah nicht mehr aus wie die Königin, die vor ein paar Stunden ihre Brüder hatte hinrichten lassen, sondern wie das junge und unschuldige Mädchen, das sie war.
"Nein!!, das würde ich mich nicht trauen" sagte Nigar und ahmte dabei die verwöhnte Prinzessin Serra nach.
"Nigar....hör auf, wenn Serra dich jetzt hört, wird sie garantiert knallrot... nicht vor Wut... sondern vor...?" Bitaqir sagte das lachend, aber ihr Satz wurde durch den Ruf nach Salat unterbrochen.
Bitaqir stand auf und ging hinein, aber als würde sie sich an etwas erinnern: "Nigar, ruf die Mädchen, damit sie dir hier helfen, ich mag es nicht, wenn du dich selbst verausgabst." Bitaqir sagte das ganz ehrlich, und Nigar war gerührt.
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Bitaqir konnte Instrumente bis in die Halle hinein hören, als sie sich den Gemächern ihrer Mutter näherte.
"Ihre Majestät Königin Bitaqir" verkündeten die Aghas, als sie sich dem Eingang näherte, und überall wurde es totenstill.
"Bitte, macht weiter." sagte Bitaqir mit sanfter Stimme, nachdem sie bemerkt hatte, dass sie ihretwegen innehielten.
Als sie sich neben ihrer Mutter niederliess, bemerkte sie, wie unbehaglich alle waren, sie fand es komisch. Als sie Sadika in die Halle treten sah, hatte sie plötzlich eine Idee.
"Sadika!" rief Bitaqir mit aufgeregter Stimme, was viele überraschte, da sie gedacht hatten, die Krone würde sie arrogant machen, aber hier war sie und rief Lady Sadika so, wie sie es immer tat, ohne Anzeichen von Arroganz in ihren Augen oder ihrer Körpersprache. Wenn man sie in diesem Moment sah, würde man nicht glauben, dass dies die Königin ist, die ihren Bruder mit ihren bloßen Händen hingerichtet hat. Man würde denken, dass sie nur eine der Prinzessinnen ist, die ihre Dienerin ruft.
"Majestät" antwortete Sadika im gleichen Ton.
"Du spielst die wunderschönste Geigenmelodie, kannst du uns mit deiner unverkennbaren Melodie beehren." fragte Bitaqir und hielt dabei Blickkontakt mit Sadika.
"Wie Ihr wünscht" antwortete Sadika und versuchte, das triumphierende Lächeln, das sie hatte, zu verbergen. Da sie die erste Instrumentalistin war, die die Königin persönlich gebeten hatte, für sie zu spielen, empfand sie Stolz und gleichzeitig Verachtung von den anderen Mädchen.
Sadikas Musik war alles, was gebraucht wurde, um Ruhe und Entspannung in die Halle zu bringen. In kurzer Zeit verwandelte sich die einst ruhige und angespannte Halle in eine lebendige Halle mit Musikern und Tänzern hier und da, das Lachen und die Unterhaltungen der Damen waren zu hören. Mit dieser Entwicklung entspannte sich Bitaqir endlich und konnte nun spüren, wie sich das Gewicht ihrer Pflichten von ihren Schultern löste, sie nutzte den Moment und amüsierte sich, obwohl sie eine weniger überfüllte Umgebung bevorzugte.
"Bitaqir, wie geht es dir?" flüsterte Valide Aischa ihr zu, die Sorge war in ihren Augen deutlich zu sehen.
"Mir geht's gut, meine Valide" antwortete Bitaqir mit einem Achselzucken.
"Habe ich dir jemals erzählt, wie schrecklich du darin bist, zu lügen?" stellte Valide fest, während sie ihre Augenbraue hob.
Bitaqir zuckte nur mit den Schultern. "Mutter, mir geht's gut, ich bin nur erschöpft, das ist alles" antwortete Bitaqir mit einem Lächeln.
"Ich werde mich jetzt verabschieden" sagte Bitaqir, als sie sich bückte, um die Hände ihrer Mutter zu küssen.
"Aber die Unterhaltung ist zu deinen Ehren" informierte Valide Aischa Bitaqir mit deutlicher Missbilligung in ihrer Stimme.
"Die Party kann weitergehen, solange du willst, bitte entzieh sie ihnen nicht, weil ich müde bin, außerdem muss ich vielleicht morgen in den Norden reisen" antwortete Bitaqir, während sie ein Gähnen vortäuschte.
"Na gut!" antwortete Valide Aischa und gab die Sache auf.
"Außerdem möchte ich, dass Nigar Kalfa meine Ober-Kalfa und Sadika meine Hofdame wird, Nigar kann ein paar Mädchen aus dem Harem auswählen, die ihr helfen." sprach Bitaqir endgültig und verliess dann die Halle.
Bitaqir spürte, wie die Erschöpfung sie niederdrückte, beschleunigte ihre Schritte nur, um gegen etwas Hartes zu stoßen... oder gegen jemanden. Sie hob den Kopf, nur um Selim zu sehen.
"Na klar, du bist es, kannst du dich bitte mal..." Bitaqir verstummte, als sie den Blick in den Augen ihres Bruders sah.
"Dieser Blick..." sagte Bitaqir, als sie ihre Augen zusammenkniff, und Selim grinste nur, weil er genau wusste, dass seine kleine Schwester gecheckt hatte, was vor sich ging.
"Wo ist dein rotes Taschentuch?" fragte Bitaqir, obwohl sie eine Ahnung hatte, wo es war, aber Selim zuckte nur mit den Schultern, aber das Funkeln in seinen Augen bestätigte nur ihre Vermutung.
"Erzähl mir von ihr" sagte Bitaqir und verschränkte ihre Hand mit der ihres Bruders, als alle Spuren ihrer Erschöpfung verschwanden und durch Aufregung ersetzt wurden.
"Schwester, Schwester, du bist wirklich vom Himmel geschickt, weisst du, ich habe gerade die schönsten Tänzerinnen meines Lebens getroffen. Weißt du, 'seufzt' sie ist einfach sooo..." begann Selim, anscheinend in Traumwelten.
"Genug, ich habe gerade meine Aufregung verloren, ich gehe schlafen" sagte Bitaqir mit gelangweilter Stimme und ging davon.
"Komm schon, Bitaqir, du brauchst ein bisschen Wissen über diese Dinge, es wird dir eines Tages nützlich sein" sagte Selim mit einem Grinsen.
"Egal" antwortete Bitaqir aus dem Flur und verdrehte die Augen.
"Majestät" rief ein Agha Bitaqir zu, als sie ihr Zimmer betrat.
Bitaqir drehte sich zum Agha um und hob eine Augenbraue.
"Die Wesire erwarten Euch in Eurem Arbeitszimmer" informierte der Agha sie und sie änderte sofort ihre Laufrichtung und ging stattdessen zum Arbeitszimmer, dankbar, dass es nur einen Raum von ihren Gemächern entfernt war, denn sie war wirklich müde. In diesem Moment wollte sie sich nur in den Komfort ihres Zimmers legen und sich in ihrem Bett einkuscheln.