Drei
Klara
Emilia kann's immer noch nicht fassen, dass ich grad meinen Mate getroffen hab. Der Blick, den sie mir gerade zuwirft, sagt mir, dass sie immer noch geschockt ist.
"Und du hast ihn einfach so gehen lassen?", fragt sie mich, und ihre Stimme ist total ungläubig.
"Komm schon. Ich hab ihn doch grad erst kennengelernt", antworte ich, aber eigentlich wünschte ich, ich wär ihm hinterhergerannt, wohin auch immer er gegangen ist.
"Warum ist das ne Ausrede? Er ist dein Mate, also ist es doch egal, ob ihr euch jetzt oder vor Jahren kennengelernt habt", sagt sie.
"Wenn er mein Mate ist, dann werden wir uns ja irgendwann wiedersehen", sag ich ihr mit nem hoffnungsvollen Lächeln. Ich hoffe, der Moment kommt bald.
Ich kann immer noch spüren, wie seine kalte, aber sanfte Hand über meine Wange gestreichelt ist. Ich will das wieder fühlen. Ich hab Emilia noch nicht erzählt, dass er ein Vampir ist, sonst rastet sie aus. Wir wissen ja alle, wie Vater Vampire hasst.
Vampire und Werwölfe waren noch nie gut aufeinander zu sprechen. Die Werwölfe haben die Vampire gejagt und umgekehrt. Weil die alle unsterblich sind, ging der ganze Mist ewig so weiter.
Ich weiß ganz genau, wie sehr Vater sich immer gewünscht hat, dass ich nen schicken Alpha-Mate aus nem tollen Rudel kriege. Nicht, dass er sich so sehr um mein Wohlergehen schert. Er will einfach nur seine Kontakte ausbauen und mehr Verbündete kriegen.
Vater kümmert sich so sehr um meinen großen Bruder, Jason, weil er sein Nachfolger ist. Er schenkt ihm all seine Zeit und Aufmerksamkeit, um ihn zu nem starken Mann zu machen. Er will, dass er irgendwann ein mächtiger Alpha wird.
Ich bin nicht neidisch auf seine Identität als nächster Alpha vom Halbmond-Rudel. Ich geb doch eh nix auf Politik. Selbst die kleine Aufmerksamkeit, die mir mein Vater schenkt, ist schon stressig genug. Er will, dass ich ne smarte Lady bin und nen Alpha-Mate kriege, was ich aber gar nicht will. Ich will nicht von nem politischen Haus weglaufen und mich nem anderen anschließen.
Alles, was ich jemals wollte, war ein Mate, der sich um mich kümmert und mir bedingungslose Liebe gibt. Ob Rogue, Mensch oder Werwolf, ist mir egal. Jetzt ist meine Wahl aus der Box gekommen. Er ist ein Vampir. Ich weiß, dass Dad ausrasten wird, wenn er das erfährt.
"Hörst du überhaupt zu, was ich sag?" Emilia reißt mich aus meinen Tagträumen. Ich hatte sie schon wieder vergessen.
"Was?" frag ich verwirrt. Verdammt, diese Mate-Bindung hat mich schon wieder in Tagträume versetzt. Na ja, es ist ja auch schon Nacht. Emilia schüttelt nur ungläubig den Kopf.
"Ich wollte sagen, wann du ihn dem Rudel vorstellst? Zumindest mir. Ich bin doch deine beste Freundin, oder? Du bist die Erste, der ich Matt vorgestellt hab", sagt sie.
"Komm schon. Ich hab ihn doch auch grad erst kennengelernt. Wir haben nicht viel geredet. Gott! Ich hab ihn nicht mal nach seinem Namen gefragt", sag ich.
"Oh, ich hoffe, ich war nicht der Grund", sagt sie und kratzt sich am Nacken. Klar, warst du's! Schrei ich in meinem Kopf, aber ich sag's nicht. Ich schenk ihr nur ein kleines Lächeln und wir gehen weg.
Mein Vater plant die Verlobungsparty für meinen Bruder, Jason, mit seinem Mate Riley. Das ganze Rudel ist mit den Vorbereitungen beschäftigt. Ich hab gehört, dass er viele Alphas und ihre Betas eingeladen hat, besonders die Unvermateten, in der Hoffnung, dass ich meinen Mate finden kann. Ich überlege immer noch, ob ich ihm sagen soll, dass ich meinen Mate schon gefunden hab oder ob ich einfach still sein soll.
In dem Moment, in dem mein Vater erfährt, dass ich ihn gefunden hab, wird er alles tun, um ihn zu finden. Er wird wissen wollen, wo er wohnt, was er so macht und ob er aus nem mächtigen Rudel kommt oder nicht. Ich weiß nicht, ob er enttäuscht oder wütend sein wird, wenn er erfährt, dass er ein Vampir ist.
Mein Kopf brummt seit ich den sexy Vampir in der Gasse in der Nähe des Einkaufszentrums getroffen hab. Mein Wolf ist extrem unruhig. Sie will bei ihrem Mate sein, aber ich muss mich noch zusammenreißen. Ich weiß ja noch nicht mal, wo er wohnt.
Was, wenn das alles ein Fehler war? Ich meine, es war sehr kurz, fast so, als wär's nie passiert. Die geisterhaften Überreste seiner Berührung haften immer noch auf meiner Haut und sein süßer Duft ist immer noch um mich herum. Gott! Ich fühle mich wie ein Trunkenbold.
Ich geh aus meinem Zimmer, nachdem ich versucht hab, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen, aber vergeblich. Ich weiß, dass ein schneller Lauf im Wald mir etwas Erleichterung verschaffen wird. Mein Wolf wird endlich frei sein, von all diesen Emotionen, die in ihr eingesperrt sind.
Ich geh die lange, gewundene Treppe im Haupthaus des Rudels runter. Das Haus ist ziemlich riesig, weil hier viele Wölfe leben. Im Rudelhaus leben der Alpha und die Luna mit ihrer Familie. Außerdem übernachten dort Besucher von anderen Rudeln während ihres Aufenthalts. Die meisten Rudelfeiern werden hier abgehalten. Hier wird die Verlobung meines Bruders stattfinden.
Es ist spät in der Nacht: nach Mitternacht, aber ich hab keinen Schlaf finden können. Ich fühle mich so lebendig. Ich gehe in den Wald und ziehe alle meine Klamotten aus. Der Mond scheint hell am Himmel, also ist der Wald nicht so dunkel. Ich verwandle mich in meinen Wolf, der mit einem Heulen auftaucht.
Mein Wolf ist ein großer silbergrauer Wolf mit einem reinweißen Schwanz und Gesicht. So sah der Wolf meiner Mutter aus. Sie wurde vor fünf Jahren in einem Rudelkrieg getötet, aber all die Erinnerungen, die wir zusammen geschaffen haben, sind noch frisch in meinem Kopf.
Ich renne durch den Wald, runter zum Bach, in der Hoffnung, meinen Geist zu befreien. Die Luft ist sehr erfrischend, wenn sie durch mein Fell rennt und mir den Komfort gibt, den ich suche.
Der süße Duft von vor ein paar Stunden erfüllt wieder meine Nasenlöcher und lässt sie sich weiten. Mmm, mein Wolf schnurrt beim Geruch ihres Mates. Sie folgt dem Duft, ohne zu zögern. Ihre Sinne sind in diesem Moment sehr geschärft, ohne Störungen. Nichts wird zwischen sie und das Finden ihres Mates kommen.
Ist er hier, im Wald? Was würde er hier machen? Ist er mir gefolgt, um herauszufinden, wo ich wohne? Ich schmelze mental dahin bei der romantischen Geste.
Der Duft führt mich tiefer in den Wald, in Richtung des Territoriums des Silberklaue-Rudels. Es ist nicht erlaubt, dass Rudelmitglieder ohne Erlaubnis auf dem Territorium eines anderen Rudels herumlaufen. Es wäre ein Eindringen und wird streng bestraft.
Ich halte am Bachufer an und überlege, ob ich ihn überqueren und dem Duft folgen soll. Mein Vater wäre sehr wütend, wenn ich mich in Schwierigkeiten bringen und dem Rudel Probleme bereiten würde.
Der Duft wird sehr stark und unwiderstehlich. Wo bist du? Ich schaue mich am Bach um. Das Wasser ist nicht so tief, ich kann hindurchgehen und den Bach überqueren. Gerade als ich mein vorderes Bein ins Wasser eintauchen will,
"Das würde ich an deiner Stelle nicht tun", ertönt eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich sofort um und finde den Herzenswunsch dort, der an einem Baum lehnt. Ich freue mich innerlich und frage mich, ob er mich erkennt. Ich bin in meiner Wolfsform. Er weiß ja nicht einmal, wie mein Wolf aussieht, oder?
Er neigt seinen Kopf zur Seite und schaut mich mit einem nonchalanten Blick an. Ich beginne in meinem Kopf zu debattieren, ob ich mich vor ihm verwandeln und ihm zeigen soll, dass ich es bin. Verdammt! Ich hab meine Klamotten vergessen.
Was macht es schon, wenn er dich nackt sieht? Er ist doch eh dein Mate, sagt mir mein Wolf, aber ich ignoriere sie.
Ich weiß nicht, ob er meinen Zustand bemerkt hat, denn er nimmt seinen langen Mantel ab und gibt ihn mir.
"Das kannst du anziehen", sagt er mit einem heimlichen Lächeln auf seinem Gesicht.
Ich stelle mich hinter einen Baum und verwandle mich schnell. Ich ziehe den Mantel an. Zum Glück bedeckt er alles bis zu meinen Knien, obwohl eine gute Menge Dekolleté zu sehen ist.
Nachdem ich sichergestellt hab, dass ich mich zeigen kann, stürme ich in seine Umarmung und schlinge meine Hände fest um seinen Hals. Er hält mich nicht auf, obwohl ich ihn überrascht hab. Er schlingt auch seine Hände um meine Taille und zieht mich näher an sich heran.