Sechsunddreißig
Damian
Lazarus trägt schon 'ne ganze Weile diesen scheißfressen Grinsen im Gesicht und ich hab' Bock, ihm jetzt gleich die Zähne aus dem Maul zu hauen.
"Wo hast du das Mädel versteckt?" frag' ich ihn zum dritten Mal, seit ich dieses verdammte Haus betreten habe. Der Typ regt mich so auf! Ich glaub', ich kann meine Wut nicht mehr lange zurückhalten.
"Sie ist hier. Reg dich nicht auf. Ihr geht's gut", antwortet er mit einem nonchalanten Grinsen.
"Was zur Hölle hast du sie entführt? Was hat sie dir jemals getan?" frag' ich ihn und er zuckt mit den Schultern.
"Nichts. Ich hab' nichts gegen sie, außer dass sie deine Freundin ist. Armes Mädel, sie macht das gerade alles nur wegen dir durch", sagt er, während er sich dramatisch am Kinn reibt.
"Was willst du von mir? Bist du auf Rache aus? Musst du dich so tief herablassen und ein unschuldiges Mädel benutzen? Sie hat damit nichts zu tun. Du solltest sie da nicht reinziehen!" sag' ich ihm und er kichert.
"Du weißt ganz genau, dass ich alles tun kann, um zu bekommen, was ich will. Ich bin nicht derjenige, der sie da reingezogen hat. Du warst es! Hättest du sie nie kennengelernt, dann hätte ich keinen Grund, sie zu entführen. Du wärst nicht hier, wenn sie dir egal wäre, oder?" sagt er.
"Was willst du von mir?" frag' ich ihn.
"Ganz einfach. Ich will nur, dass du mir die neuen Mitglieder gibst, die vor ein paar Tagen in deine Familie gekommen sind", antwortet er.
"Was?" frag' ich. Hab ich das richtig gehört?
"Du hast mich richtig gehört", antwortet er.
"Warum?" frag' ich ihn.
"Das brauchst du nicht zu wissen. Geht dich nichts an. Gib mir einfach die Kids, dann gehört das Mädel dir", antwortet er mit einem Schulterzucken.
"Was willst du von ihnen? Warte mal..." Mein Mund steht offen bei dem Gedanken.
"Bist du derjenige, der die Menschen verwandelt hat?" frag' ich ihn und ein Grinsen formt sich auf seinen Lippen.
Scheiße! Also war er es die ganze Zeit!
"Das ist ja leicht zu erraten. Ich weiß, dass du versuchst, meine Pläne zu stoppen. Der Ventrue-Rat ist auch involviert, das weiß ich. Ich werde nicht aufhören und jeder, der mir in die Quere kommt, wird nicht mögen, was ich mit ihm anstelle", sagt er.
"Warum solltest du rumlaufen und die Menschen verwandeln? Du weißt doch, dass das gegen die Regeln des Ventrue-Clans verstößt", sag' ich ihm.
"Ich scheiß' auf die Ventrue-Regeln. Die kontrollieren mich nicht. Ich bin schon vor langer Zeit ausgebüxt, Damian. Das solltest du inzwischen wissen. Du bist derjenige, der mich verbannt hat, erinnerst du dich?" sagt er mir.
"Klar erinnere ich mich. Du dachtest, du wärst zu mächtig für den Rat. Ich hab' dich gewarnt, aber du warst zu arrogant. Du hast es darauf angelegt", sag' ich ihm.
"Ich brauch' niemanden, der mich kontrolliert oder einschränkt. Kein verdammter Rat kann mir sagen, was ich tun soll und was nicht. Ich hab' diesen Scheiß dir und dem Rest des Ventrue-Clans überlassen", sagt er und verschränkt dann die Hände hinter dem Rücken. Er neigt den Kopf zur Seite und betrachtet die Crew hinter mir. Ich muss sagen, die sind eher 'ne Spezialeinheit.
"Du hast ein paar Soldaten mitgebracht. Was? Hast du etwa einen Kampf von mir erwartet? Ich bin ein zivilisierter Vampir. Ich kann meine Worte benutzen", sagt er.
"Zivilisierte Vampire rennen nicht rum und verwandeln Menschen aus lächerlichen Gründen", sag' ich ihm.
"Meine Absichten sind nicht lächerlich. Ich finde, du bist der Lächerliche. Die Menschen sind für uns da. Wir benutzen sie für das, was wir wollen und wie wir es wollen. Wir sind die unsterblichen Herrscher des Universums. Die mächtigen übernatürlichen Wesen, die dazu bestimmt sind, die Erde und alles darin zu besitzen. Warum verteidigst du die Menschen? Bist du einer von ihnen?" fragt er und zieht dann eine Augenbraue hoch, in Erwartung einer Antwort.
"Die Menschen haben das gleiche Recht, ihr Leben so zu leben, wie sie wollen, und du kannst nicht einfach behaupten, das Universum zu besitzen, wenn du es nie erschaffen hast. Übernatürlich oder was auch immer, du hast nicht das Recht, jemandes Leben wegen deiner eigenen egoistischen Motive zu ruinieren", sag' ich ihm.
"Red keinen Unsinn, Damian. Du weißt, dass ich die Wahrheit sage", sagt er.
"Wenn etwas für dich die Wahrheit ist, dann geh' nicht davon aus, dass es für alle anderen auch gilt", sag' ich ihm und er runzelt die Stirn wegen meiner Beleidigungen.
"Du hast ein paar Typen hier, die so tun, als ob dir die verdammten Menschen so am Herzen liegen, und dabei vergisst du, dass ich etwas von dir habe, für das du betteln musst", sagt er, während er vor mir auf und ab geht.
"Lass sie einfach gehen. Sie ist nicht dein Ziel. Ich bin dein Ziel. Also mach einfach, was du willst, aber lass sie einfach gehen", sag' ich.
"Wow! So viel Zuneigung. Ich wette, du würdest alles tun, um sie am Leben zu erhalten. Würdest du deine Familie für sie riskieren? Warum frage ich das überhaupt? Du hast sie mitgebracht, obwohl du wusstest, dass sie in große Gefahr geraten könnten", sagt er.
"Er bring uns sie. Wir haben uns selbst gebracht, weil wir bereit sind, ihn zu beschützen", sagt Klara.
"Wow! Seid ihr seine Leibwächter oder so?" fragt er mit einem spöttischen Grinsen.
"Nimm's, wie du willst, Lazarus. Deine kleine Verhöhnung beeindruckt uns nicht", antwortet Klara mit fester, unerschütterlicher Stimme.
"Ich verstehe. Nimmst du mein Angebot an oder nicht?" fragt er mich.
"Ich gebe dir die neu Verwandten nicht", sag' ich ihm.
"Dann kriegst du das Mädel nicht. Dreh dich einfach um und geh zurück, woher du gekommen bist, und vergiss, dass du sie jemals getroffen hast. Ich bin sicher, Fabian wird sehr bereit sein, das Angebot anzunehmen, das ich ihm machen werde. Er ist ein sehr eifriger Dealbreaker, findest du nicht auch?"
Fabian?
Warum sollte er ihn da reinziehen? Klar weiß er, dass Fabian und ich uns nicht grün sind. Er hat Klara aus dem Gebiet ihres Vaters entführt, also weiß er definitiv, dass sie seine Tochter ist. Er benutzt Fabian als Drohung, um mich in die Enge zu treiben.
"Was ist denn los? Willst du nicht, dass Fabian erfährt, dass seine Tochter wegen dir entführt wurde? Er hasst dich doch schon, also macht es keinen großen Unterschied, wenn er es erfährt. Nur dass er nicht zulassen wird, dass sie mit dir zusammen ist. Er wird euch beide nie zusammen lassen. Du hast seinen Vater und seine Rudelmitglieder getötet. Er wird dir seine Tochter nie geben", sagt er.
"Was zwischen mir und Klara passiert, geht dich nichts an. Halt dich einfach aus unserer Beziehung raus. Wir können unsere Probleme alleine regeln", sag' ich ihm.
"Oh, ich sehe ja, wie du das Problem gerade regelst. Deine Freundin ist eingesperrt, aber du kannst sie nicht einmal für einen einfachen Deal retten. Sag mir nicht, dass diese vier Kids dir viel mehr bedeuten als sie. Du bist doch erst seit kurzer Zeit mit ihnen zusammen und kannst sie nicht gehen lassen. Willst du etwa sagen, dass du nicht bereit bist, sie zu retten?"
Ich weiß, Lazarus würde alles tun, um zu bekommen, was er will. Er versucht, meinen Kopf zu verwirren, damit ich eine überstürzte Entscheidung treffe. Er lässt mich zwischen meinen Führungsaufgaben und meinem Liebesleben abwägen. Ich kann die beiden nicht vergleichen.
Wenn ich ihn die Verwandten kriegen lasse, dann habe ich den Ventrue-Clan und seine Regeln verraten. Ich hätte meine Verantwortung als Anführer verraten.
Ich kann nicht zulassen, dass Fabian da reinkommt. Die Sache wird echt hässlich, wenn er die Wahrheit erfährt. Ich will einfach noch etwas Zeit mit Klara verbringen, bevor ihr Vater sich in unsere Beziehung einmischt.
Scheiße! Ich muss mir jetzt eine kluge Lösung überlegen. Ich darf keine Entscheidungen unter Druck oder Emotionen treffen. Ich hab' keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich muss erst mal fragen.
"Warum ist es so schwer für dich, dich zu entscheiden? Liebst du sie denn nicht? Du weißt doch, sie wartet seit heute Morgen auf dich. Alle ihre Hoffnungen, gerettet zu werden, ruhen allein auf dir. Sie schien die Idee, von ihrem eigenen Vater gerettet zu werden, auch nicht so toll zu finden", sagt er und versucht mich dazu zu bringen, mich zu entscheiden.
"Okay. Ich werde sie dir geben. Ich meine, die Menschen, die du verwandelt hast. Gib einfach das Mädel", sag' ich resigniert.
"Gute Idee. Ich wusste, dass du dein wertvolles Mädel nicht einfach für ein paar Individuen opfern würdest, von denen du nichts weißt", sagt er und setzt ein amüsiertes Lächeln auf.
"Wo ist sie?" frag' ich ihn.
"Sie ist hier und sie ist sicher. Ich muss sie erst sehen, bevor ich sie dir gebe. Ich will nicht verarscht werden", sagt er.
"Ich will auch nicht verarscht werden. Woher soll ich wissen, dass du sie hast?" frag' ich ihn, obwohl ihr Geruch eindeutig in diesem Haus ist.
"Soll ich dir einen ihrer Gliedmaßen bringen, damit du deine Zweifel bestätigen kannst?" fragt er und lacht dann über seinen eigenen kranken Witz.
"Sie ist hier, Damian. Das weißt du auch. Ich lasse dich sie sehen, wenn du meine Ware bringst", sagt er.
"Also geh besser und bring sie, bevor ich die Geduld verliere, und denk gar nicht erst dran, dem Rat von mir zu erzählen oder um ihre Hilfe zu bitten. Ich hab' viele Augen und Ohren, weißt du. Ich bringe sie sofort um, wenn ich erfahre, dass du etwas Dummes tust!" sagt er mit todernster Stimme, die zeigt, dass die Zeit für kranke Witze vorbei ist.