Kapitel 5
Aurelia und ich haben jetzt schon 'ne Stunde an diesem Wissenschaftsprojekt rumgedoktert und bis jetzt haben wir einfach gar nichts geschafft.
Jedes Mal, wenn ich versuche, mir 'ne Idee auszudenken, sagt Aurelia irgendwas Idiotisches, da krieg ich echt Bock, gegen 'ne Backsteinmauer zu boxen.
Wie zum Beispiel jetzt gerade.
Ich bin mitten dabei, 'ne Projektidee zu googeln, weil unser Lehrer viel zu oldschool ist, um zu wissen, wie das Internet funktioniert, als Aurelia irgendwas sagt.
"Bist du endlich fertig, Prinzessin?" Sagt sie und ich krall mich noch fester an mein Handy.
Was soll das eigentlich mit ihr und dem Namen 'Prinzessin'?!
"Ich schwör's dir, Aurelia," sag ich mit deutlicher Genervtheit, als ich mich zu dem übermäßig selbstbewussten, grauäugigen Mädel umdrehe.
Sie grinst sofort über meine Reaktion, wodurch ich sie mit Irritation anstarre.
Ich trau ihr nicht.
Ich hab das Gefühl, sie plant irgendwas.
"Du bist süß, wenn du sauer bist," neckt sie mich, wodurch ich den Büchertisch mit aller Kraft packe, damit ich nicht aus Versehen mein Handy kaputt mache.
Ich ignoriere sie einfach mal, in der Hoffnung, dass sie den glasklaren Hinweis kapiert. Ich werde eines Besseren belehrt, als sie mich am Oberarm antippt.
Mann, die hat die Aufmerksamkeitsspanne von 'nem Kind.
"Du kannst mich nicht ignorieren, Prinzessin," sagt sie ganz selbstverständlich.
"Kann ich wohl versuchen, oder? Und hör auf, mich 'Prinzessin' zu nennen," sag ich, während ich wieder anfange, verantwortungsbewusst Informationen zu googeln.
"Warum, stört dich das?" Neckt sie mich, als sie mich wieder antippen will, nur um dann schnell ihren Finger zu schnappen und von mir wegzudrücken.
"Pass auf, Aurelia, ich bin nur wegen dir hier, weil du unbedingt meinen Plan sabotieren musstest, wenn's nach meiner Zeugnisnote ginge, wär ich hier gar nicht," informiere ich sie und verstecke die Säure in meiner Stimme nicht.
"Wenn du jetzt einfach so rumsitzt und mich bis zum Wahnsinn nervst, dann mach ich das Projekt bei mir zu Hause und schreib nur meinen Namen drauf," drohe ich weiter.
"Also entweder du setzt dich hin und hilfst mir bei diesem gottverdammten Projekt oder du verschwindest, damit ich endlich mal was schaffen kann," beende ich und meine haselnussbraunen Augen weichen nicht von ihren grauen.
Sie überlegt kurz, bevor sie mir einmal zustimmend mit dem Kopf nickt.
"Okay, ich helf dir," stimmt sie zu und kommt endlich meinen Wünschen nach.
"Danke," seufz ich erleichtert.
Jetzt können wir endlich mal was schaffen.
-
Aurelia tippt den letzten Satz unseres Projekts, während ich neben ihr immer noch nach Luft schnappe.
"W-Was, du machst Witze," keuch ich atemlos, als ihre Nase sich anfängt zu röten.
Vor ein paar Minuten war ich mit meiner Hälfte der Präsentation fertig, also hab ich beschlossen, Aurelia ein paar Ideen für ihren Teil zu geben. Während sie tippte, hat sie dann entschieden, dass sie 20 Fragen spielen will.
Ich, als die Logische in dem Moment, hab den Wunsch abgelehnt und sie gedrängt, ihren letzten Absatz fertigzustellen.
Sie, als jemand, der kein 'Nein' akzeptiert, hat mir dann zum Start 'ne Frage gestellt. Sie hat mich gefragt, was mein zweiter Vorname ist.
Ich hab ihr gesagt, dass ich meinen verrate, wenn sie ihren verrät.
"Warum sollte ich lügen, Prinzessin?" Fragt sie leise.
Ich lach weiter, während ihre Finger aufhören zu tippen und auf dem Holztisch der Bibliothek zur Ruhe kommen. Ihre grauen Augen wandern von dem Computer zu meiner lachenden Gestalt.
"Tut mir leid, ich hab nur-" Ich unterbrech mich selbst, weil ich meinen Satz nicht zu Ende bringen kann.
Sie nickt mit amüsiertem Gesichtsausdruck.
"Ich lass ihn vielleicht ändern, wenn ich in meinen Zwanzigern bin," sagt sie mit ernster Stimme, während ich mein chaotisches Lachen erfolgreich stoppe.
Ich schnapp mir sofort ihre Hand, wodurch sie mich voll und ganz beachtet.
"Nein, tu das nicht. Er ist wunderschön, ich hab das nur nicht erwartet," sag ich ihr ehrlich.
Wir sitzen einen Moment da und schauen uns einfach in die Augen, ohne Ende.
Ich bin total fasziniert von dem Farbton ihrer Augen, aber das geb ich niemals zu.
In diesem Moment wirken ihre Augen nett, fast sanft.
Wenn nicht mein Handy geklingelt hätte, wer weiß, wie tief mein Verstand in den Kaninchenbau gegangen wäre.
Ich reiß meine Hand schnell von ihr weg und schnapp mir meinen Rucksack und mein Handy.
Man hätte meinen können, sie hat mich verbrannt, so schnell bin ich von ihr weggerannt.
"Ich, äh, ich muss in den Unterricht, will nicht zu spät kommen," stammel ich erbärmlich, als ich fast über meine Füße stolpere.
Sie zieht ein verwirrtes Gesicht, als ich von ihr weg und aus der fast leeren Bibliothek renne.
Ich geh ans Telefon und guck nicht, wer anruft.
"Hallo?" Antworte ich, während ich normal in Richtung Cafeteria gehe, wo ich weiß, dass Bailey und Faith sind.
Wir haben noch fünf Minuten, bis wir zurück in den Unterricht müssen.
Ich hab nur 'ne Ausrede gebraucht, um aus Aurelias Nähe rauszukommen, auch wenn's 'ne glasklare Ausrede war.
"Hey, Babe, können wir reden?" Fragt die eine Person, von der ich nie wieder was hören wollte.
Ich verlangsam instinktiv meine Schritte vor Schock, suche aber weiter nach Bailey und Faith.
"Nenn mich nicht so," fordere ich, als meine Augen meine Freundinnen finden, die sich scheinbar über irgendwas streiten.
Ernsthaft, schon wieder?!
"Schau, Hanna, ich will keinen Streit," sagt er mit 'nem Seufzer und scheint irritiert zu werden.
"Warum hast du mich dann angerufen?" Frage ich, als ich mich Bailey und Faith gegenübersetze.
"Wir müssen reden, heute, am besten," sagt er mit bestimmter Stimme.
Ich seufz, wodurch Bailey und Faith mich mit wütenden Gesichtsausdrücken ansehen.
Oh Gott.
"Chadley, ich muss los," sag ich und bereite mich darauf vor, aufzulegen. Ich verpass nicht den schockierten Blick, der über Baileys und Faiths Gesichtsausdrücke huscht.
"Triff mich nach der Schule bei mir zu Hause, ich lass dich rein," sagt er, bevor ich aufleg.
Ich atme tief ein, bevor ich ausatme und mein Handy in meinen Rucksack stecke.
"Was ist zwischen euch beiden passiert?" Frage ich meine Freundinnen.
"Nein, versuch gar nicht erst, so zu tun, als hättest du nicht grad mit deinem Ex telefoniert," sagt Faith schnell, wodurch ich mir die Schläfen reibe.
"Ich weiß eure Sorge zu schätzen, Faith, aber ich will nicht drüber reden," sag ich höflich, weil ich sie nicht in diesen Mist reinziehen will.
Sie nickt verständnisvoll und zeigt auf 'ne leere Stelle auf ihrem Tablett.
"Ich hatte hier 'n Stück Kokoskuchen, und als ich ihn essen wollte, hab ich gemerkt, dass er weg ist," erklärt sie.
"Sie denkt, dass ich ihn geklaut hab," informiert mich Bailey ganz beiläufig.
"Na, hast du?" Frag ich und versuch, zur Sache zu kommen.
"Ja, hab ich," antwortet sie mit ungerührtem Gesichtsausdruck.
Ich muss mir in den Arm kneifen, um nicht über diese Situation zu lachen.
Das passiert ständig.
Ich nehm 'nen Dollar aus meinem Rucksack und geb ihn Faith.
"Nimm das und kauf dir noch 'n Stück Kuchen," sag ich ihr, als ihre Augen vor Freude leuchten.
"Jawohl, gnädige Frau," scherzt sie, bevor sie aufsteht und praktisch zur Dessertschlange sprintet.
Super.
Jetzt sind die beiden happy.
-
Ich kann's nicht fassen, dass ich das wirklich mache?
"Hanna, ist mir egal, wie lange es dauert, ich warte hier draußen auf dich," informiert mich meine Mama vom Fahrersitz aus.
Ich nicke mit echtem Lächeln, bevor ich mich abschnalle und aus ihrem Auto aussteige. Ich fang langsam an, ihre Einfahrt und die Verandatreppen hochzugehen.
Als ich gerade an ihre Tür klopfen will, schwingt sie auf und Chadley sieht schuldig aus.
"Hi," sagt er mit schuldbewusster Stimme.
Versucht er mich jetzt wirklich, dazu zu bringen, mich ihretwegen schlecht zu fühlen?
"Willst du mir jetzt erzählen, warum du mich eingeladen hast?" Frag ich und überspring die Höflichkeiten.
Er nickt und tritt zur Seite, damit ich sein Elternhaus betreten kann. Bevor ich das tue, schau ich zurück zu meiner Mama, die mich mit intensivem Blick beobachtet.
Als ich erfolgreich mitten im Foyer stehe, schließt er die Tür und geht auf mich zu.
"Willst du was trinken?" Fragt er mit ziviler Stimme.
Ich seufz und verschränk die Arme, weil ich keine Lust hab, länger als nötig hier zu sein.
"Nein, ich hätte gern, dass du mir sagst, warum du mich hierher gerufen hast," sag ich.
Ich merk, wie sich die Ecke seiner Lippen vor Amüsement zusammenzieht, kommentier das aber nicht.
"Ich hab dich hierher gerufen, um über die Gala am Freitag zu reden," sagt er und ich werf die Arme voller Bedauern hoch.
"Ernsthaft?!" Frag ich.
"Ja, ich brauch 'nen Gefallen," sagt er, wodurch sich meine Augen vor unterdrückter Wut weiten.
"Warum sollte ich dir irgendeinen Gefallen tun?" Spuck ich mit purer Säure.
"Hör zu, Hanna, ich versteh, warum du mir nicht traust, aber denk bitte an meine Familie," fleht er mit verzweifelter Stimme.
Chadleys Familie.
Wenn ich ihn so kenne, glaub ich kaum, dass er seiner Familie erzählt hat, dass ich mit ihm Schluss gemacht hab, geschweige denn, dass er mich betrogen hat.
Mit diesen Infos kann ich schon ahnen, was der Gefallen ist.
"Okay, was willst du?" Frag ich.
"Ich brauch, dass du so tust, als wärst du meine Freundin für den Abend," sagt er.
Die Vorstellung von dem, was er vorschlägt, macht mich krank.
"Warum kannst du nicht Ava fragen, ich bin sicher, sie würde deiner Oma gern erzählen, wie sie unsere Beziehung ruiniert hat," schlag ich vor.
"Erstens, meine Familie liebt dich und zweitens, sie redet nicht mit mir," sagt er, wodurch ich lachen muss.
Wie konnte er das nicht kommen sehen?
"Also, du verlässt dich darauf, dass ich dein Date bin, damit deine Familie nicht rausfindet, was wirklich zwischen uns passiert ist?" Frag ich und nagel ihn fest.
Er nickt.
"Ich überleg's mir," beschließ ich zu antworten.
Ich brauch Zeit, um das durchzudenken.
Ich will sichergehen, dass ich das Richtige für mich tue.
"Das ist fair. Ruf mich an, wenn du 'ne Antwort hast?" Schlägt er vor.
Ich nicke mit dem Kopf, während meine Augen zu 'ner zufälligen Wand wandern. Er versucht, mich zu umarmen, aber ich halte meine Hand hin und signalisiere ihm, dass er aufhören soll, bevor ich mich auf den Weg zur Haustür mache.
Als ich die Tür hinter mir schließe, merk ich den erleichterten Gesichtsausdruck meiner Mama im Auto. Ich geh schnell zu dem genannten Auto, damit ich nach Hause gehen und 'ne Strategie entwickeln kann.
Ich bin erst fünfzehn, mein Leben sollte nicht so schwer sein.
-
Kaum war ich zu Hause, hab ich Bailey und Faith per Video angerufen und ihnen mein Dilemma erzählt.
Ich mag's, die Meinung von außen zu meinem Problem zu hören, weil, wissenschaftlich gesehen, wenn's um 'nen Schwarm oder 'n Ex geht, deine Emotionen intensiver sind.
"Hanna, vertrau ihm nicht, wir wissen doch alle, wie das beim ersten Mal geendet hat," sagt Faith mit ungläubigem Blick.
"Ja, er versucht dich einfach wieder reinzuziehen," fügt Bailey hinzu.
"Aber Leute, ich will seine Familie nicht verärgern, die sind alle tolle Leute," versuch ich mich zu verteidigen, als ich mich schuldig fühle.
"Es ist nicht deine Schuld, dass das 'tolle' Gen nicht an ihn weitergegeben wurde," sagt Faith.
Ich seufz traurig, als ich mich in meinem Schreibtischstuhl zurücklehne.
Trau ich Chadley? Auf keinen Fall.
Will ich seine Familie verärgern? Auf keinen Fall.
Ich fühle mich einfach gefangen.
Bailey verdreht die Augen und setzt sich gerade hin.
"Wenn du mit ihm gehst, dann geh ich auch mit, ich kann's nicht riskieren, dass er dich ausnutzt," sagt sie mit fürsorglicher Stimme.
"Das ist ja das, was er gerade macht, hast du nicht von Manipulation gehört?!" Brüllt Faith mit wütender Stimme.
"Hör nicht auf sie, Hanna, ich bin die ganze Zeit an deiner Seite," sagt Bailey mit 'nem sanften Lächeln.
Oh mein Gott.
Die klingen wie mein Gewissen.