56. „Willst du es?“
Mit 'nem miesen Gesichtsausdruck ist Dayyan in Zahras Haus rein. Der Typ, der das ganze Leben auf seinen Schultern trägt, hatte so viele Probleme, dass er älter aussah, als er eigentlich war. Zahra hat Dayyan mit 'nem fetten Grinsen begrüßt. Aber das Grinsen is schnell verflogen, als sie gesehen hat, wie Dayyan 'nen Stuhl rangezogen und sich mit 'nem trägen Knall draufgesetzt hat.
"Danke, dass du so früh gekommen bist, Mas. Warum siehst du so fertig aus?" hat Zahra gefragt. Es war ja nich so, dass sie nich wusste, dass der Papa von einem Kind grad echt Probleme hat, aber Dayyans lahmarschiger Gesichtsausdruck hat Zahra dazu gebracht, Dayyan helfen zu wollen.
"Is normal, Ma'am. Zu Hause is grad alles beim Alten."
"Geht's Athaya besser?" hat Zahra gefragt und ihm 'ne Tasse süßen Tee angeboten. Sie hat immer Mineralwasser in der Nähe der Vitrine für die Ojek-Fahrer gehabt, die auf ihre Bestellungen gewartet haben. Aber speziell für Dayyan hat sich 'ne Tasse Tee gut angefühlt.
"Danke, Ma'am." Dayyan hat genickt und Zahras süßen Tee getrunken.
"Ich mach noch fünf Boxen fertig, dauert nich lang", hat Zahra gesagt und Dayyan is einfach sitzen geblieben.
"Scheiße, Mr. Dayyan. So 'n guter Typ wird mit so krassen Problemen getestet", hat sie vor sich hin gemurmelt.
"Zahra, wie viele Boxen fehlen noch?" hat Mursida gefragt. Zahra, die grad die Essensboxen vorbereitet hat, hat den Ruf ihrer Umi nich gehört.
"Zahra, Umi hat gefragt, wie viel noch fehlt, es sind nur noch ein paar Eier übrig, ich hab Angst, es reicht nich!" hat Mursida mit etwas erhöhter Stimme gerufen.
"Äh, fünf, fünf fehlen noch, Umi, Zahra macht sie fertig."
"Du arbeitest und träumst dabei, arbeit lieber im Stillen, damit das Essen auch ein Segen is."
"Ja, Umi." Zahra wollte nich mehr diskutieren. Sie hat sofort die Bestellung für fünf Boxen Nasi Rames vorbereitet, wie bestellt.
Wieder mal war ihre Gedanken bei Dayyans Problem. Ein kleines Mädchen musste krank sein, der Vater hat auf der Straße gekämpft, um die Bestellung auszuliefern, und dann zu Hause noch die Frau, die sich mit all den Haushaltssachen rumschlagen musste. Wer auch immer so 'nen krassen Test durchmacht, Zahra war sich sicher, dass Allah ihren Status erhöhen würde.
Tring.
Der laute Ton der Bestellungen auf ihrem Handy hat sie aus ihren Träumen gerissen.
"Alhamdulillah, ich hab heute viele Bestellungen bekommen", hat sie sich bedankt. Zahra war dankbar, dass in letzter Zeit der Wasserhahn ihres Glücks weit geöffnet war.
"Umi, sind noch Eier da?" hat sie gefragt, während sie sich umsah.
"Du hast gesagt, du brauchst fünf, Umi hat sie alle rausgenommen. Den Rest hab ich in den Kühlschrank gelegt."
"Das is okay."
"Noch weitere Bestellungen?" hat Mursida überrascht gefragt.
"Ja, nur eine."
Zahra hat eilig die Eier aus dem Kühlschrank genommen und sie kurz erwärmt. Sie hat auch den Reis und all die Beilagen genommen, die sie gemacht hatte. Da war Sambal Goreng Kartoffeln, gebratene Fadennudeln, Essiggurken und getrocknetes Tempeh. Jetzt war 'n Teller Nasi Rames fertig zum Servieren.
"Mas, frühstück erst mal", hat Zahra Dayyan angeboten, der die Augen zugemacht hat, während er seinen Kopf an die Wand lehnte. Als Zahra Dayyan benommen gesehen hat, hat sie sich schuldig gefühlt.
"Er hat bestimmt letzte Nacht nich geschlafen", hat sie gedacht.
"Ich hab schon früher gefrühstückt. Farah hat gebratenen Reis gekocht und mich gebeten, ihn zu essen, bevor ich gegangen bin."
"Deine Frau kümmert sich wirklich um ihre Familie", hat Zahra geflüstert.
"Ja, als Frau muss sie ihren Mann mit ganzem Herzen beachten. Ich hab auch Mitleid mit ihm. In letzter Zeit scheint er nich genug Ruhe zu haben, sein Gesicht is blass, weil er oft spät aufbleibt und auf Athaya wartet."
Dayyans Blick schweifte umher, als würde er sich selbst bedauern. Weil er seinen Job verloren hat, musste Farah jetzt 'n schweres Leben führen.
"Ich kann mir vorstellen, wie sich deine Frau fühlt. Komm schon, lass uns erst mal essen. Die Bestellung is fertig, ich pack sie zuerst ein."
Zahra hat Dayyan absichtlich beim Essen gelassen. Sie wollte nich, dass ihre Anwesenheit Dayyan peinlich is. Seit gestern Abend hat sie auch darüber nachgedacht, wie schwer die Last von Dayyans Familienleben is.
"Sie muss 'ne starke Frau sein, die sich um 'n krankes Kind kümmert, erfordert mentale, physische und finanzielle Bereitschaft. Ich kann mir nich vorstellen, in ihren Schuhen zu stecken."
Wieder mal konnten Zahras Gedanken Dayyan und seiner Familie nich entkommen.
Nachdem Zahra 'ne Weile gewartet hatte, hat sie sich entschieden, auf die Terrasse zurückzukehren.
"Bist du mit dem Essen fertig, Mas?"
"Ja, Ma'am. Vielen Dank, ich muss nich draußen zu Mittag essen."
"Na dann solltest du jeden Tag hier zu Mittag essen, du sparst Geld und kannst Snacks für Athaya kaufen", hat Zahra vorgeschlagen. Sie hatte Athaya noch nie getroffen, aber plötzlich war Zuneigung in ihrem Herzen für das arme kleine Mädchen.
"Seien Sie nich umständlich, Ma'am. Das is mir unangenehm. Leute von der Straße haben keine festen Zeiten, also is es einfach, überall zu essen."
"Von jetzt an, ess nich mehr irgendwo, Mas. Es muss hier sein. Will Dayyan nich hier zu Mittag essen, weil mein Essen nich gut is?" hat Zahra gefragt.
"Na ja, nein, es is wirklich gut. Es schmeckt sehr gut auf meiner Zunge." Zahra hat gelächelt.
Für sie war Dayyans Ehrlichkeit ein Kompliment.
"Na, hier is das Essen, Mas, ich hab den Lieferort geteilt, pass auf dich auf. Keine Eile, Hauptsache, du kommst sicher an."
Dayyan hat sein Motorrad gestartet, nachdem er sich bedankt und gegrüßt hat. Zahra hat Dayyans Abschied gelächelt, bis sein Körper um die Ecke der Gasse verschwunden war.
Ehsan, der vor Zahras Haus gesessen hat, hat die Faust geballt.
"Wie unverschämt is dieser Motorradtaxifahrer! Ich bin derjenige, der hier jeden Tag für Sicherheit sorgt, und mir wurde noch nie 'ne Mahlzeit angeboten. Er is erst seit ein paar Tagen Stammgast, und plötzlich wird er gefüttert!"
Brak!
Ehsan hat den Mülleimer hart getreten und vor Schmerzen geächzt. Der arbeitslose Jugendliche erschien sofort vor Zahra.
"Hast du mit dem Kochen aufgehört, Neng?" hat er lässig gefragt.
"Gerade eben", hat Zahra kurz geantwortet. Ehsan, der erwartet hatte, 'ne Mahlzeit angeboten zu bekommen, hat sich auf die Lippe gebissen.
Später am Abend is Ehsan zu Mursida gegangen. Zahra hat im Zimmer den Koran rezitiert.
"Umi, seit wann serviert Neng Zahra Mahlzeiten vor Ort?" hat Ehsan gefragt.
"Was soll das heißen?"
"Heute Nachmittag hab ich gesehen, wie Neng Zahra angeboten hat, mit 'nem Motorradtaxifahrer zu essen, der oft kommt."
"Oh, das. Zahra teilt oft Essen mit den Motorradtaxifahrern, die oft hierherkommen. Naja, es is einfach wie das Teilen von Lebensunterhalt. Zahra kocht normalerweise freitags viel, um es mit denen zu teilen, die es brauchen."
"Ja, das weiß ich schon. Aber das is anders, Umi. Zahra gibt dem Motorradtaxifahrer 'nen Teller Reis, der in letzter Zeit wie Medizin an einem Tag hierherkommt und wieder zurückgeht, um Bestellungen abzuholen."
Mursida hat die Stirn gerunzelt. Waren die Eier, nach denen Zahra heute Nachmittag gefragt hatte, für den Motorradtaxifahrer? Ihr Herz hat sich gefragt.
"Sogar ich, der zukünftige Ehemann, hab noch nie Essen angeboten bekommen, Umi, dieser unbekannte Motorradtaxifahrer bekommt plötzlich ein Privileg? Ich, wie auch immer, kenne mich selbst. Wenn es auch um das Essen zu Hause geht, is es nur die Aufmerksamkeit, die ich erwarte. So fühlt es sich an, als wäre alles umsonst, dass ich warte, Umi."
Mursida wurde zunehmend hektischer, als sie Ehsans Geschwätz hörte.