Kapitel 50
Agustins Sicht...
Ich fuhr mir frustriert durch die Haare. Wie zur Hölle habe ich es vorher nicht gecheckt, dass Jakob in dem Interview über Onika geredet hat? Er war die ganze Zeit in sie verliebt, direkt vor meiner Nase, und ich hab' nie auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass er heimlich meine Frau liebt, dieser verdammte Wichser! Das geht tiefer, als ich dachte. Ich bin davon ausgegangen, dass er von seinen alten Affären geredet hat. Gott, wie falsch lag ich denn!
Das Schlimmste ist, ich glaube, Onika hat auch 'n weiches Herz für ihn, hoffentlich ist es nur das und nicht mehr. Scheiße. Er soll sich von ihr fernhalten, sonst wird er's bereuen. Ich tanz' schon auf dünnem Eis, und das Letzte, was ich will, ist, dass Jakob die winzige Chance, die ich vielleicht mit Onika hab', gefährdet.
Ich würd' ihn am liebsten feuern, aber ich weiß, das kommt bei Onika nicht gut an.
Ich wurde aus meinen Tagträumen gerissen, als es an der Tür klopfte.
"Wer ist da?", fragte ich mit genervter Stimme. Dieses Büro lässt mich nicht mal in Ruhe trauern.
"Ich bin's, Onika", kam Onikas sanfte, engelsgleiche Stimme.
Scheiße. Ich versteckte sofort ihre Akte in der Schublade. Ja, ich hab' ihre Akte mit ins Büro genommen, ich kann einfach nicht aufhören, daran zu denken, als ob ich sie auf einmal ganz lesen will, und gleichzeitig hab' ich nicht mal den Mut, nur einen Eintrag zu lesen, ohne dass mir das Herz in zwei Teile gerissen wird.
Ich richtete mich sofort auf und winkte sie rein.
"Komm doch rein und setz dich", sagte ich, sobald sie eintrat.
"Na, wem hab' ich die Ehre?", sagte ich neckisch mit einem kleinen Lächeln.
Statt zu antworten, starrte sie mich nur an, als ob ich zwei Köpfe hätte.
"Was ist los?", fragte sie, ihre Augen musterten mich immer noch mit diesem seelenlesenden Blick. Mein Herz legte 'nen Zahn zu, für 'n Moment dachte ich, sie hätte die Akte gesehen, aber das kann ja gar nicht sein, versuchte ich mich zu beruhigen, und fragte: "Nichts, warum fragst du?"
"Deine Augen sind rot unterlaufen, du hast über Nacht Augenringe bekommen, du siehst aus, als hättest du seit Ewigkeiten nicht geschlafen! Bist du krank oder so?", fragte sie und runzelte die Stirn, ihre Stimme war voller Sorge.
Gerade in diesem Moment, mit Sorge um mich in ihren Augen, sieht sie so wunderschön aus, dass ich sie einfach wahnsinnig küssen will. Das ist das Nächstbeste an Zuneigung, was ich seit Ewigkeiten von ihr bekommen hab'.
"Agustin, ich rede mit dir", sagte sie und winkte mit der Hand vor meinem Gesicht, was mich aus meiner Starre holte.
"Nein, nein, mir geht's blendend...ich hab' nur schlecht geschlafen wegen 'ner kleinen...Kopfschmerzen." Herzschmerz stattdessen, und zwar jede Menge davon, sagte ich leise.
"Willst du dir den Tag frei nehmen?", fragte sie und hob die Augenbrauen andeutungsweise. Einfach nur bezaubernd, das ist sie. Okay, das muss ich unter Kontrolle kriegen.
"Nein, ich bin jetzt fit, ..." Sie unterbrach mich.
"Du siehst für mich nicht fit aus, jedenfalls würde ein bisschen Ruhe nicht schaden...", versuchte sie es wieder.
"Onika, mir geht's gut, wirklich, und wenn du noch einmal darauf bestehst, krieg' ich die falsche Vorstellung, dass du dich noch um mich kümmerst."
Sie runzelte die Stirn.
"Aber ich kümmere mich doch um dich", sagte sie ohne zu zögern, und ich spürte, wie mein Herz aus meinem Käfig hüpfte.
"Nur nicht so, wie du denkst, ich kümmere mich um dich genauso wie um jeden anderen Menschen, nicht mehr und nicht weniger", fügte sie streng hinzu und sah mir in die Augen, um mir zu zeigen, dass sie jedes Wort ernst meinte.
Ich spürte, wie mein Herz bei ihren Worten sank, wenn sie geleugnet hätte, dass sie sich um mich kümmert, wäre es einfacher gewesen, weil ich weiß, dass das gelogen wäre, aber zu sagen, dass sie sich um mich kümmert, nicht mehr als um jede andere Person, tut noch mehr weh, aber kann ich ihr das verdenken? Es ist mehr, als ich verlangen kann, dass sie sich noch um mich kümmert, zumindest so viel, wie sie sich um jeden anderen Menschen kümmern würde, selbst nachdem ich alles andere als menschlich zu ihr war.
"Du bist hier, das bedeutet, dass es etwas mit der Arbeit zu tun haben muss, nehme ich an", fragte ich höflich, um ihre Aufmerksamkeit auf sicherere Themen zu lenken.
"Oh ja, ich wollte dich eigentlich daran erinnern, dass du heute an einer sehr wichtigen Geschäftsfeier teilnehmen musst, die von einem deiner wichtigsten Geschäftskunden, Herrn Griggs, veranstaltet wird. Ich hab' also deinen Terminkalender für den Abend freigeräumt."
Scheiße, wie konnte ich das vergessen, ich bin echt am Arsch.
"Kannst du mich begleiten?", fragte ich fast instinktiv, dann fügte ich eilig ein "bitte..." am Ende hinzu.
Ihre Lippen zuckten ein wenig dabei.
"Hab' ich die Freiheit, abzulehnen?" Ihre Stimme war jetzt ernst.
"Von jetzt an hast du immer die Freiheit, zu wählen."
Sie hob eine Augenbraue, mit einem unsicheren Ausdruck auf ihrem Gesicht fragte sie: "Ist das so? Dann sollen wir's theoretisch machen?"
Ich weiß genau, worauf das hinausläuft: "Natürlich mit bestimmten Ausnahmen...nur ein paar", was bedeutet, dass du dich von mir entfernst.
"Nur ein paar, die bestimmt alles abdecken, was mir wichtig ist...", sagte sie und warf mir einen enttäuschten Blick zu, nach einer Pause fuhr sie fort:
"Egal, lass' ma das, ich will das hier im Büro nicht, wir sind hier zum Arbeiten, also bleiben wir dabei, was deine Antwort angeht. Ich werde dich begleiten, aber als deine PA, nicht als deine Frau."
Ich nickte steif, so sehr es auch wehtut, ich weiß, ich hab' nur mich selbst zu beschuldigen, gerade in diesem Moment halte ich mich nicht mal für würdig, die gleiche Luft wie sie zu atmen.
"Okay, dann sollte ich wieder an die Arbeit gehen", sagte sie.
"W...warte! Onika, ich muss was sagen", sagte ich nervös, weil ich nicht wusste, wie ich meine Worte formulieren soll.
"Raus mit der Sprache", sagte sie und warf mir einen misstrauischen Blick zu.
"Ich...ich...will dir sagen, dass ich Alex nie von dir trennen werde, es tut mir leid, dass ich dich in der Vergangenheit damit bedroht habe, aber glaub' mir, ich war nie wirklich drauf aus, das zu tun."
Ich dachte, sie würde erleichtert sein, das zu hören, aber stattdessen konnte ich unterdrückten Zorn in ihren Augen sehen: "Ja, du warst nie drauf aus, es zu tun, weil du wusstest, dass ich dir keine Gelegenheit dazu geben würde, denn wenn es um Alex geht, bin ich bereit, alles zu tun, und du wusstest das und hast diesen Fakt sehr gut ausgenutzt, du wusstest, dass du nicht handeln musst, weil ich mich deinem jeden Willen beugen würde, anstatt auf Alex zu verzichten, also spiel' dich nicht als großzügig auf, du verarschst niemanden."
Ich sah sie einfach nur völlig sprachlos an, fasste mich und sagte:
"Ich kann unmöglich sagen, dass du Unrecht hast, ich werde es nicht leugnen, ich hab' in der Vergangenheit viele Dinge getan, für die ich mich schäme, sie immer wieder aufzuzählen, wird nichts ändern, ich kann dir nur versichern, dass es in Zukunft nicht mehr passieren wird, es tut mir leid, ich hab' nichts anderes anzubieten als meine Worte, du musst mir glauben."
Ich sah ein grausames Lächeln auf ihren Lippen entstehen, was mein Herz vor Angst vor dem Erschauern ließ, was auch immer es ist, ich weiß bereits, dass es für mich nicht gut sein kann, ich bereitete mein Herz auf den nächsten Schlag vor, einen von den unzähligen, die noch kommen sollen.
"Dir glauben? Ja klar", sagte sie mit schwerem Sarkasmus.
"Warum denn? Hast du mir irgendeinen Grund gegeben, dir zu glauben? Du meinst es vielleicht jetzt ernst, aber sobald die Dinge nicht nach deiner Nase laufen, wirst du zu deinen Worten zurückkehren, so war's in der Vergangenheit, und ich hab' keinen Grund zu glauben, dass es in Zukunft nicht so sein wird. Also sorry, wenn ich sag', ich glaub' dir nicht und werde es nie...wir sind nichts weiter als vertraute Fremde, Vertrauen ist eine schwere Sache, die man in so 'ner Beziehung einfügen muss."
Vertraute Fremde, das ist, was sie von uns hält, bitte Onika, hör auf, mich so fertigzumachen, flehte ich innerlich.
"Du hast Recht, du hast keinen Grund, mir zu glauben", sagte ich und gab mich geschlagen...aber bald werde ich dir Gründe geben, mir zu glauben, schwor ich innerlich.
"Das dachte ich mir schon." Damit ging sie aus der Kabine, zurück an ihre Arbeit.
Ich starrte einfach zwecklos an die Wand vor mir, bevor ich schließlich ihre Akte herausholte, es scheint, dass mich zu quälen zu meinem neuen Hobby geworden ist. Ich frage mich, ob ich das alles ohne Nervenzusammenbruch überstehen werde.
Nervenzusammenbruch, über das Wort hätte ich vor ein paar Jahren gelacht. Man weiß nie, was für einen aufbewahrt wird, ich seufzte schwer und fing an, ihre Akte zu lesen.
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#Tag 9
Heute kam eine qualvolle Erinnerung auf mich zugekracht.
Deine Mutter kam immer hinter deinem Rücken zu mir und warnte mich, mich von dir fernzuhalten, einmal sagte sie, ich bin nur eine deiner vielen Affären, und du wirst mich irgendwann wegschmeißen, sobald du die Nase voll von mir hast.
Ich ballte meine Hände fest zusammen, um zu verhindern, dass ich etwas tue, was ich später bereuen würde, schließlich ist sie deine Mutter.
Ich erinnere mich noch an meine Antwort an sie: "Es ist schade, dass Sie so wenig von Ihrem eigenen Sohn halten, Frau De Luca, aber lassen Sie mich Ihnen sagen, unsere Liebe ist nicht so oberflächlich, und über eine Sache bin ich mir so sicher wie meine Existenz, Agustin wird immer an meiner Seite stehen, immer, egal was passiert, und ich beabsichtige, dasselbe zu tun."
Weißt du was, Agustin, du hattest immer Recht zu sagen, ich hab' Humor. Verdammt guten. Ich wusste nur nie, dass der Witz auf meine Kosten ging.
Ich hätte es wissen sollen, eine Mutter kennt ihr Kind am besten, sie hatte ganz allein recht.
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#Tag 10
Die Leute sagen, verschwende deine Zeit nicht mit jemandem, der dich nicht wert ist, rate mal? Ich weiß das alles, ich hab' alles gehört, aber es scheint, dass sich meine Albträume nicht darum scheren, was die Leute sagen.
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# Tag 11
Ich wünschte, ich hätte dich nie gesehen.
Ich wünschte, ich wäre nicht als deine PA ausgewählt worden, an diesem Tag.
Ich wünschte, ich hätte dich nicht geheiratet.
Und vor allem wünschte ich, ich hätte dich nie geliebt.
Aber die brutale Wahrheit ist, egal wie sehr ich es mir wünsche, jetzt wird sich nichts mehr ändern. Aber das hindert mich trotzdem nicht daran, meine Zeit damit zu verschwenden, zu überlegen, wie ich die Dinge anders hätte machen können.
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#Tag 12
Hewte wachte ich mitten in der Nacht mit einem Ruck auf. Ich schwitzte stark. Meine Handflächen zitterten ein bisschen von den Nachwirkungen des Albtraums. Ich hörte Alex laut weinen, da wurde mir klar, dass ich heftig geschrien hatte, so heftig, dass er aus seinem friedlichen Schlaf aufgewacht war, wie unzählige andere Nächte.
Ich nahm Alex sofort auf meinen Schoß, um ihn zu beruhigen, es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ich ihn beruhigt und ihm versichert hatte, dass alles in Ordnung ist, bevor er schließlich einschlief und meine Finger fest umklammerte, als ob er erwartete, dass jemand kommt und ihn mir wegschnappt. Allein der Gedanke daran ließ mich vor Entsetzen schaudern.
Ich versuchte, mich selbst zu trösten, mich zu beruhigen. Aber tief im Inneren weiß ich, dass Agustin mein Leben wieder zur Hölle machen wird, wenn er mich findet.
'Gerade in diesem Moment hasse ich dich am meisten, Agustin, mehr als ich es jemals zuvor getan habe. Ich hasse dich mit jeder Faser meines Wesens.
Verdammter Wichser, hör' auf, auch mein Kind zu quälen. Du verdammter Bastard.'
Aber was noch schlimmer ist, ich hasse mich auch selbst, weil ich so schwach bin. Ich hatte nie erwartet, dass es so schwer sein würde, dich aus meinem Kopf zu kriegen, selbst nachdem ich weggelaufen bin. Ich bin meilenweit von dir entfernt, aber du verfolgst immer noch meine Gedanken, Tag und Nacht.
Aber nicht mein Kind, bitte nicht mein Kind. Ich mache Alex auch Angst, und das macht mich fertig.
Mit jedem Atemzug blute ich.
Mit jeder Sekunde, die vergeht, stirbt etwas in mir.
Du wirst dafür nie vergeben werden, Agustin, schwor ich.
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Die Stahlstange der Schuld schloss sich um mich. Sie stand für mich bei jeder Gelegenheit ein, selbst ohne dass ich es wusste, und so hab' ich es ihr gedankt.
Ich schloss die Akte, meine Augen brannten vor Schuldtränen.
Ich spürte etwas Nasses auf meiner Hand, da merkte ich, dass ich meine Autoschlüssel so fest umklammert hatte, dass sie die Haut über meiner Handfläche aufgeschnitten hatten und Blut heraussprudelte.
Ich sah das Blut und dachte, wenn einem jetzt jemand mein Herz herausholen würde, müsste es so aussehen, blutend und roh.
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