Kapitel 55
Onikas Sicht......
Einen Tag zuvor hätte ich mir niemals vorstellen können, auf der Terrasse eines krassen Hotels in Los Vagus zu stehen. Aber hier bin ich nun mal. Sowas hab ich noch nie gesehen, es ist einfach..... atemberaubend.
Ich hab die Aussicht vor mir angestarrt, total geflasht. Millionen Lichter haben vor meinen Augen geblinkt, wie kleine Sterne auf der Erde, kalte Brise hat an meinem Gesicht vorbeigeweht, voll das Glücksgefühl, ich hab mich einfach in der Aussicht verloren.
Dann hab ich gecheckt, dass ich am Grinsen war, und zwar so ein Grinsen, wo die Wangen wehtun, aber man's einfach nicht abstellen kann.
Ich hab bei der Erkenntnis gezuckt, ein bisschen von meiner eigenen Reaktion überrascht. Ich muss immer dieses Fake-Grinsen vor den Leuten aufsetzen, das verschwindet sofort, sobald sie weggucken, ich hab schon lange nicht mehr gezählt, wie lange das so geht....seit wie vielen Jahren. Es ist ein Teil von mir geworden. Eine Konstante.
Aber in diesem Moment muss ich nicht so tun, weil ich tatsächlich glücklich bin, da ist kein Vorstellen. Es ist, als ob eine Aura des Friedens mich umgibt, die meine Dämonen fernhält.
Ich hab jemandes intensiven Blick auf mir gespürt.
Ich hab meinen Kopf ein bisschen zur Seite geneigt, um Jakob anzuschauen, und hab ihn dabei erwischt, wie er mich intensiv ansah, so, dass man(n) dahinschmelzen könnte.
"Es ist wunderschön", hab ich gesagt.
"Stimmt.... wunderschön", hat er wiederholt, seine Augen haben sich nie von meinen getrennt.
Er hat immer diesen Glanz in seinem Blick, der einen fühlen lässt, als ob er direkt in deine Seele gucken kann, egal wie sehr ich versuche, meine Mauern hochzuziehen.
"Also, bist du oft hier?", hab ich gefragt, "so wie das Personal dich behandelt hat, sieht so aus, als wärst du ein wichtiger Kunde.", er hat mich nur schief angeschaut.
"Sag mir nicht, du bist der Besitzer?", hab ich ungläubig gefragt.
"Kann man so sagen, eigentlich war's von meinem Opa, ich hab's geerbt."
"Du warst deinen Großeltern sehr nah, oder?", hab ich vorsichtig gefragt.
"Ich war meinen Großeltern näher, als ich es jemals meinen eigenen Eltern sein werde...", hat er gesagt, ein bitterer Ausdruck hat seine Miene übernommen.
Wie komisch ist die Welt, manche haben keine Familie und diejenigen, die eine haben, sind auch nicht glücklich. Nichts definiert Glück, oder vielleicht ist es nicht die Beziehung, sondern die Person, mit der du in einer Beziehung bist, die es definiert.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich hab seine Hände sanft gedrückt, um ihm Trost zu spenden.
Ich konnte das Chaos verschiedener Emotionen in seinen Augen sehen, ich hab den Speichel geschluckt. Er hat seinen Blick plötzlich von mir abgewendet, als ob er versucht, die Probleme zu verstecken...und nicht wollte, dass ich sie sehe.
Es war ein paar Minuten still. Ich hab mich innerlich selbst verflucht, weil ich den Moment kaputt gemacht habe, als er plötzlich sprach.
"Willst du eine Geschichte hören, Onika?", seine Augen waren immer noch nach vorne gerichtet und weigerten sich, meinen Blick zu treffen, in dem Versuch, seine Verletzlichkeit zu verbergen.
Ich hab tief Luft geholt und einen Schritt zurück gemacht, als wär ich getroffen. Ich erinnere mich immer noch an die Geschichte von dem Vogel im Käfig, die er mir erzählt hat, und ich kann nicht anders, als die Ähnlichkeiten zwischen dem Vogel im Käfig und mir zu erkennen.
Also, als er mich gefragt hat, ob ich eine Geschichte hören will, wusste ich, dass etwas Großes kommt, und ich glaube, ich hab eine Ahnung, was es ist. Bevor ich noch einen Schritt zurück machen konnte, hat er mein Handgelenk gepackt, sein Griff war fest, aber sanft.
"Diesmal gibt's kein Weglaufen mehr...", hat er geflüstert, ich war mir nicht sicher, ob er mit mir oder mit sich selbst gesprochen hat.
Ich hab tief Luft geholt, um mich auf das vorzubereiten, was kommen würde.
"Es war einmal ein Junge, der nicht an die Liebe geglaubt hat, er hat gehört, wie die Leute sagen, wahre Liebe zu finden, ist nicht einfach. Der Junge dachte arrogant: 'Na klar ist es nicht einfach, weil es sie nicht gibt, ganz einfach.'
Er dachte, er hätte die Dinge in seinem Leben geregelt. Alles war geplant. Er war derjenige, der die Kontrolle hatte, und die Dinge würden so laufen, wie er sie wollte, und er wollte es nicht anders haben.
Alles war perfekt, oder so dachte er.
Er dachte, was könnte schiefgehen?
Was ihm nicht klar war, war, dass alles schiefgehen konnte.
Alles konnte schiefgehen, es brauchte nur ein Mädchen mit wunderschönen Rehaugen.
In diesem Moment wünschte er sich verzweifelt, wünschte sich, dass all die Dinge, die er gehört hatte, wahr wären. Er wünschte, es wäre schwer, sich zu verlieben, er wünschte, es gäbe keine Liebe, schließlich war das das, was er sich selbst für die Hälfte seines Lebens eingeredet hatte.
Er erkannte bald, dass jede einzelne Sache, die er gehört hatte, eine verdammte Lüge war.
Wer auch immer gesagt hat, dass sich zu verlieben schwer ist, ist ein verdammter, lügender Bastard. Weil es so einfach war. So einfach wie atmen, so natürlich wie das Schlagen des Herzens. Alles, was es brauchte, war, dass das Mädchen ihn anlächelte, mit ihren funkelnden blauen Augen, und alles ging schief.
Das war der Tag, an dem er erkannte, dass das Leben, das er für perfekt hielt, nur eine leere Hülle war.
Die Kontrolle, auf die er so stolz war, glitt ihm wie Sand durch die Hände und er konnte verdammt noch mal nichts dagegen tun.
Sie brach durch seine Mauern, um in sein Herz zu gelangen, zu schnell und zu tief...und egal wie sehr er versuchte, sie rauszukriegen, sie blieb.
Sie war die Art von Mädchen, die nur einmal in zehntausend Leben kommt.
Er hat sich sehr bemüht, seinen Impulsen zu widerstehen, er hat sich sehr bemüht, das Mädchen aus seinem Kopf zu kriegen, glaubt mir, er hat alles versucht.
Je mehr er sich bemühte, desto tiefer fiel er.
Er gab es schließlich auf, sich nicht zu verlieben, er verstand, er musste es akzeptieren....er hatte keine andere Möglichkeit, nicht zu atmen wurde leichter, als sie nicht zu lieben.
Dann kam ihm ein Gedanke, vielleicht ist es keine so schlechte Idee, der Liebe eine Chance zu geben. Nach vielen inneren Konflikten beschloss er schließlich, sich zusammenzureißen und dem Mädchen seine Gefühle zu gestehen.
Aber das Leben hatte andere Pläne für ihn. An dem Tag, an dem er beschloss, seine Gefühle zu gestehen, erfuhr er, dass sie eine verbotene Frucht war, denn sein bester Freund war in das gleiche Mädchen verliebt, er fühlte sich, als hätte man ihm einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht gekippt.
Der allerbeste Freund, den er wie seinen eigenen Bruder behandelte, er war bereit, eine Kugel für seinen Freund zu fangen, ohne eine Sekunde zu zögern.
Er war völlig zerrissen.
Er hätte alles für das Mädchen aufgeben können.... alles, außer dem Glück seines Freundes.
Also traf er eine Entscheidung, er wählte seinen Freund, ohne eine Sekunde zu zögern, und er nannte es ein Opfer.
Oh, wie großzügig von ihm, nicht wahr?
Hm, er lag falsch, total falsch, wenn er dachte, die Dinge würden mit der Zeit in Ordnung gehen.
Wenn er dachte, die Dinge wären vorher schwer gewesen, dann wusste er nicht, was für ihn aufbewahrt wurde, er wusste nicht, dass seine Leiden als Folge seines 'sogenannten Opfers' gerade erst begonnen hatten.
Jede Entscheidung hat eine Konsequenz, und die Entscheidung war getroffen, es war an der Zeit, die Konsequenzen zu tragen.
Er dachte, er würde Distanz wahren und alles würde sich mit der Zeit langsam wieder einpendeln, was er nicht wusste, war, dass Distanz dich nicht vor Schmerz retten kann.
Da erkannte er, was schwer ist, es ist nicht sich zu verlieben, es ist sich zu entlieben. Es ist schwer wegzugehen, wenn man immer noch wahnsinnig verliebt in diese Person ist. Manchmal wurde es so schlimm, dass er sich daran erinnern musste, weiterzuatmen.
Was schwer ist, ist das Glück deines Lebens in den Armen eines anderen zu sehen, jemanden anderen vor deinen Augen zu heiraten...und was am schwierigsten ist, ist dabei ein Lächeln aufzusetzen, um alle wissen zu lassen, dass du dich für sie freust.
Er starb jeden Tag, jede Sekunde, ein bisschen nach dem anderen, bis er dachte, es gäbe nichts mehr zu verlieren, bis er völlig leer war, bis auf sein Herz, das immer noch voller Schmerz war....und Liebe für dieses Mädchen.
Er pflegte mit der Faust auf die Wand zu schlagen, bis er vor Schmerz taub war, nur um den Schmerz von der Aufprall über den seines Herzens zu besiegen.
Es war so erdrückend, es gab Zeiten, da dachte er, er hätte es verloren....aber wisst ihr, was das Einzige war, was ihn davon abhielt, verrückt zu werden?
Es war das Wissen, dass das Mädchen glücklich war, das war alles, was am Ende des Tages zählte, alles war den Schmerz wert, solange sie glücklich war.
Oh, was für ein Narr er damals war, er wusste nicht, dass der Freund, von dem er so überzeugt war, das Mädchen um jeden Preis glücklich zu machen, ihn im Stich lassen würde, er wusste nicht, dass er es nicht einmal verdient, dieselbe Luft wie sie zu atmen, dass er der Grund sein würde, dass ihre Seele tausendmal getötet wird.
Was er vorher nicht wusste, war, dass die Sache, die er gerade als Opfer bezeichnete, die schlimmste Entscheidung war, die er in seinem Leben getroffen hat, die das Mädchen, das er liebte, fast getötet hätte. Selbst wenn es dem Jungen gelungen wäre, ihr Leben zu retten, war ihre Seele irreparabel gebrochen, und er kann sich selbst oder seinem Freund das nie verzeihen.
In diesem Moment hasste er...verabscheute sich selbst dafür, dass er sie nicht gewählt hatte.
Wenn der Junge gebeten würde, eine Sache zu nennen, für die er sein Leben eintauschen würde, würde der Junge ohne zu zögern antworten: 'Geh zurück in die Zeit und korrigiere seinen Fehler und wähle sie...ja, er wird es jetzt einen Fehler nennen, sogar eine Panne, niemals ein Opfer, etwas, das dieses Mädchen ihre reine Seele gekostet hat, kann niemals ein Opfer sein.'"
Als Jakob mit dem Sprechen fertig war, war alles still, totenstill.
Ich hab ihn einfach nur verblüfft angestarrt, wenn ich dachte, ich wäre die Einzige, die gelitten hat, lag ich total falsch.
Mein Herz sank in Verzweiflung, bei seinem Eingeständnis, es ist nicht so, dass ich vorher nicht wusste, dass er mich liebte, aber in dem Moment, als meine Augen seine trafen, und ich den Schmerz dort sah, so viel Schmerz, dass ich mich krümmte und einfach nur durch die Intensität zurückstolperte.
Jedes Wort kam auf mich zugeströmt und durchbohrte mein Herz wie ein gezacktes Messer. Bis ich dachte, meine Knie würden nachgeben.
Und dann geschah es, eine Träne entkam meinen Augen, dann noch eine, dann noch eine. Ich schloss meine Augen gegen die brennenden Tränen.
Mein Herz zerbrach in Stücke, und das Schlimmste ist, ich weiß nicht mal, was ich tun soll, ich weiß nicht, wo ich stehe.
Die Vorstellung, dass Jakob wegen mir so viel durchmacht, gab mir Schüttelfrost. Mein Herz brach bei seinem schmerzlichen Ausdruck.
"E-Es tut mi-mir so Lei-Leid..." Ich versuchte zu sprechen, aber würgte an meinem Schluchzen.
Im nächsten Moment hatte er seine Hände um meine Schulter geschlungen.
"Hey, du hast dich für nichts zu entschuldigen, wenn überhaupt, sollte ich mich entschuldigen, dass ich dich nicht vor Agustin beschützen konnte."
"I-Ich..." Ich wusste nicht, wie ich sagen sollte - was ich sagen sollte.
"Schhh...alles okay, du brauchst nichts zu sagen, Onika, ich bitte dich nicht um ein Happy End, ich weiß, du bist noch nicht bereit dafür, vielleicht magst du mich, aber ich weiß, dass du mich nicht liebst, und ich kann dich nie bitten, dich mit einem lieblosen Leben zu begnügen, du verdienst so viel mehr, du verdienst mehr als mich oder Agustin. Wir beide haben unsere Fehler gemacht."
"Du hast einen Fehler gemacht?" Ich stieß ein kleines, humorloses Lachen aus, "Ich auch, jeder....es geht nicht darum...." Ich hörte auf, es geht nicht um mich, es geht darum, dass du in einem lieblosen Leben gefangen bist.
Ich weiß, dass er das jetzt nicht verstehen wird, aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder lieben kann, in einer anderen Welt hätte ich sofort zugestimmt, mit ihm zusammen zu sein, auf der Stelle, ob Liebe oder nicht. Aber er ist es, der so viel mehr verdient, als in einem lieblosen Leben mit mir festzustecken.
Selbst wenn ich so tue, als wäre ich mit ihm glücklich, würde er es sofort merken, er kümmert sich viel zu sehr.
Ich brauche Zeit, um mein Herz zu heilen, und selbst nach Jahren werde ich mir nicht sicher sein, ob ich wieder lieben kann, und ich werde ihn nicht bitten, auf mich bis in alle Ewigkeit zu warten, weil ich weiß, wenn ich ihn bitte, dass er es tun wird, ohne mit der Wimper zu zucken.
Es war, als hätte Jakob meine Gedanken gelesen, "Hey, gib dir nicht die Schuld, ich hab dir das nicht erzählt, um etwas zu beweisen, ich hab's nur getan, weil..." Er brach ab.
Also hab ich für ihn vollendet, "weil du es nicht mehr aushältst."
Er sagte nichts, lehnte sich einfach nach vorne und legte seine Stirn gegen meine, ein gelassener Ausdruck übernahm seine Gesichtszüge, als hätte er seinen Frieden gefunden.
Ich hätte in diesem Moment vor Herzschmerz sterben können.
Ich wusste nicht, wie lange wir so standen, ich war einfach an meinem Platz verwurzelt, so still wie eine Statue aus Stein gemeißelt, und hatte Angst, irgendeine Bewegung zu machen, die seinen Moment des Friedens zerstören würde.
Ich konnte sogar Jacobs Herzschlag spüren, die Wärme, die von ihm ausging.
Nach einer Weile ließ er widerwillig los und drückte einen sanften, federleichten Kuss auf meine Stirn.
Er trat zurück und blickte mir in die Augen, ein sanftes, beruhigendes Lächeln spielte sich auf seinen Lippen ab, als wäre alles wieder normal, als würde er versuchen, mich zu versichern, dass alles in Ordnung ist, aber ich weiß, dass es ihn alles kostet, seine Verletzlichkeit ihretwegen nicht zu zeigen, so wie es mich alles kostet, nicht auf die Knie zu gehen und dich um Verzeihung zu bitten, dass ich ihn all das durchmachen lasse.
Und in diesem Moment wollte ich einfach sagen: 'Töte mich, Jakob, es wäre einfacher, als dich leiden zu sehen, uns beide leiden zu sehen.'
Du bist die Leben, die du zerstört hast, nicht wert, Agustin, du bist ein Narr, der nicht merkt, dass das Beste, was dir jemals passiert ist, nicht ich bin, wie du einst sagtest, es ist Jakob. Und du kannst es ihm nie und nimmer zurückzahlen, nie.
"Oh, das hätte ich fast vergessen", sagte er plötzlich und holte etwas aus seiner Tasche. "Ich hab was für dich."
Er nahm meine Hand und legte eine kleine Schachtel hinein und forderte mich auf, sie zu öffnen.
Ich öffnete sie mit zitternden Händen.
Was ich sah, raubte mir den Atem, es war ein wunderschöner kleiner Anhänger.
Er war einfach wunderschön, ich kann nicht anders, als zu denken, dass er ihn ein Vermögen gekostet haben muss.
Ich nahm den Anhänger heraus.
Es war ein kleiner Vogel mit ausgebreiteten Flügeln.
"Ein Vogel", sagte ich fast unbewusst, völlig fasziniert davon.
Jakob nickte und sagte: "Nicht irgendein Vogel, es ist ein Phönix, jedes Mal, wenn ein Phönix in Flammen aufgeht, erhebt er sich wieder aus seiner eigenen Asche, ist wieder ganz, stärker als zuvor, so rein wie zuvor."
Er hob mein Kinn hoch und traf meine Augen, und das Nächste, was er sagte, ließ mein Herz einen Schlag aussetzen: "Du bist der Phönix."