Zwölf
Ich schluckte 'nen fetten Atemzug, als hätte ich noch nie zuvor geatmet, und meine Augen rissen sich automatisch auf, weil ich so geschockt war, plötzlich wieder Luft kriegen zu können.
Ich keuchte, als wär ich ewig lang unter Wasser gewesen und wär erst jetzt wieder aufgetaucht, um Luft zu schnappen.
Minutenlang brauchte ich, um überhaupt zu checken, wo ich überhaupt war, und oh ja, ich lag auf dem Rücken, auf irgendwas Eiskaltem ausgebreitet.
Die Decke – falls es eine Decke war – war weiß, zu weiß, und viel zu clean, genau wie die Wände in diesem Raum. Keine Lampen, aber taghell. Ich setzte mich auf und sofort kamen die ganzen Sachen, die passiert waren, wie 'ne Flutwelle hoch.
Ich bin erschossen worden.
Ich bin...erschossen...worden...?
Bin ich jetzt im Himmel?
Schon wieder so'n krasser Traum?
Und das war noch nicht mal das Schlimmste – was war schlimmer als erschossen zu werden? – meine Familie und Freunde sind vor meinen Augen verschwunden. Ich war allein.
Ich guckte runter auf meinen Körper und tastete nach Löchern, aber da waren keine. Anscheinend kriegt Mann 'nen Klamottenwechsel, wenn Mann in den Himmel kommt, 'n super weißes Longsleeve und 'n Pyjama in derselben Farbe.
Und dann kam plötzlich Trauer über mich, wie 'n Brett vorm Kopf. Tränen liefen mir runter und es fühlte sich an, als würde mein Herz gleich explodieren. Oder war das 'n Herzinfarkt?
„Papa, Mama, Leib", hörte ich mich wispern, immer noch mit dieser samtigen Stimme. Ich hatte nicht mal gemerkt, wie ich wieder auf den Boden sackte und heulte.
Wo sind sie?
Ich verbot mir, an irgendwas Schlimmes zu denken, was ihnen passieren könnte.
„Fünfunddreißig, aufstehen. Ich weiß, dass du wach bist." Da war 'ne Stimme, und die kam mir komisch bekannt vor.
„Little, T." Der Typ aus den Träumen und aus dem Krankenhaus.
„Du hast den Test wieder nicht gepackt, was?" Seine Stimme war näher.
Es war ein Wunder, dass ich keine Todesangst hatte und nicht vor ihm zusammengeklappt bin.
„Das ist nur ein Traum, ich wach gleich auf", flüsterte ich mehr zu mir selbst.
„Aha, sie haben dich schon wieder sauber gemacht." Es raschelte und was Schweres fiel zu Boden.
Was meinte er mit ‚sauber gemacht'?
Das war doch eh nur ein Traum, Leib ist morgen in meinem Zimmer, um mich zu wecken. Also rappelte ich mich aus meiner Selbstmitleids-Fötusstellung hoch und guckte ihn an.
Wie immer trug er 'nen weißen Laborkittel, schwarze Hose und 'n weißes Hemd, wie in all meinen Träumen. Aber diesmal hatte er keine Maske auf. „Hallo, ich bin Doktor Veron." Er machte sogar 'n kleines Winkzeichen mit der Hand.
Er war...alt, so um die Fünfzig, hatte aber keine grauen Haare. Die Lachfalten um seinen Mund herum deuteten darauf hin, dass er viel lachte, zusammen mit den Knitterfalten an den äußeren Augenwinkeln. Er sah fast freundlich aus, aber die Grausamkeit, die sie mir angetan hatten, sagte was anderes.
„Welche Erinnerung haben sie dir diesmal eingepflanzt?"
Hä?
„Du glaubst mir vielleicht nicht, wie sonst auch, aber ich bin dein Freund hier."
Hä?
Ich hatte das Gefühl, je mehr er redete, desto verwirrter wurde ich.
„Du hast mich entführt und Sachen gemacht." Ich suchte nach Wut und Ekel, aber da war nichts. Ich hatte fast das Gefühl, ich hätte noch nie 'n Funken Hass für diese Person empfunden.
Er grinste. „Ah, jetzt versteh ich." Er guckte hoch, als würde es ihm auf einmal einleuchten. „Sie haben mich diesmal zum Bösewicht gemacht, was? Wird auch Zeit, ich hab's satt, nur der treue Hausmeister zu sein, dem du deine Probleme in der Schule erzählst, oder einer der Eltern deiner Klassenkameraden."
Dieser Doktor Veron griff nach dem Klemmbrett, das er wohl neben sich abgelegt hatte. Er blätterte uninteressiert durch die Seiten. „Und wie die anderen Male, als wir uns so getroffen haben", zupfte er was von seinem Brett und steckte es in die Tasche seines Laborkittels. „Ich werd langsam zu alt für den Scheiß, haha, wer mach ich mich eigentlich vor? Ich bin alt, uralt." Er kicherte über seinen eigenen Humor.
Er stand auf – was war der Typ groß – und fummelte an seiner Armbanduhr rum. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass da 'ne Glasbarriere zwischen uns war, die ganze Zeit über, bis sie sich öffnete.
Er trat einen Schritt auf mich zu und ich ging einen Schritt zurück.
„Komm bloß nicht näher", warnte ich ihn.
Der Doktor kicherte nur und ignorierte meine Warnung.
„Ich kann dich verbrennen."
„Oh, da wette ich drauf." In seiner Stimme war kein Spott, nur blanke Zustimmung.
„Ich sterb nicht so leicht." Jetzt klammerte ich mich an Strohhalme...und war gegen die Wand gedrückt.
„Ja, das haben wir jetzt schon oft festgestellt, Fünfunddreißig." Er holte die Sache raus, die er in der Tasche seines Laborkittels verstaut hatte, 'ne kleine Spritze mit irgendwas drin. „So, wenn du jetzt einfach stillhalten könntest und ich dir schnell 'nen kleinen Stich in die Kopfhaut geben kann..."
Das ist der entscheidende Moment, aber warum wach ich nicht auf? Ich müsste jetzt eigentlich schon abgehen wie 'n Zäpfchen.
Ich redete nicht, schloss die Augen und wartete darauf, dass die Folter begann. Aber ich spürte, wie meine Finger heiß wurden und es jede Sekunde heißer wurde.
„Sie haben den Teil deines Gehirns blockiert, der Erinnerungen macht – ihn entfernt – und dann haben sie dir eine neue eingepflanzt, indem sie dich im Kopf elektrisch bearbeitet und eine modifizierte Gehirnflüssigkeit in deine Wirbelsäule injiziert haben." Ich hörte, wie Plastik auf den Boden fiel.
Wach auf, wach auf. Wach auf, wach auf, wach auf. Wach auf!
„Damit haben sie eine falsche Realität erschaffen, um dich zu beobachten und zu sehen, ob deine Konditionierung bricht. Und tatsächlich, jedes Mal, wenn du diesen speziellen Test gemacht hast."
Jeden Moment wach ich in meinem Bett auf. In unserem Haus. Und es ist einfach nur ein normaler Tag.
„Halt einfach still", flüsterte er und ich zuckte zusammen, wie nah er mir gekommen war.
Ich kniff die Augen fester zusammen. Oh Gott, warum wach ich nicht auf? Erzähl mir nicht, dass ich dieses ganze Szenario zu Ende träumen muss.
Der Stich, den ich an meiner linken Schläfe spürte, ließ mich die Augen aufreißen und den Kopf wegzuziehen, aber er wurde durch den Arm des Doktors behindert. Es stellte sich heraus, dass er mich in 'ner Kopf-Umarmung hatte.
„Wenn du nicht willst, dass deine Blutgefäße in deinem Kopf platzen, dann beweg dich nicht."
Es mag unanständig aussehen, aber ich drückte meine Handflächen auf seine Brust und sah mit aufgerissenen Augen, wie sie schwach rot zu glühen begannen und seine Kleidung verbrannten.
„Oookay, das ist neu", bemerkte er, ohne irgendeinen Schmerz zu zeigen. „Die anderen Male davor hast du mir einfach Kopfstöße verpasst, aber Newsflash, T, ich sterb auch nicht so leicht, also sind wir schon mal zwei."
Jetzt geriet ich voll in Panik, mein Herz hämmerte in meiner Brust, als die Erkenntnis kam, aber überraschenderweise verspürte ich immer noch keine Angst vor dem Doktor, der Gott-weiß-was in meinen Kopf rammte.
„Das ist kein Traum, oder?", fragte ich endlich. Es gab ein leichtes Pochen in meinem Kopf, aber es war auszuhalten.
„Deine Träume sind lange vorbei, Fünfunddreißig, das ist die harte Realität."
Woah, dieser Schwindel ließ meine Sicht aussehen, als würde sich 'n Warp-Bereich bilden. Die ehemals geraden Linien der Dinge wurden zackig und schief, und alles bewegte sich in eine unnatürliche Richtung, was mich schwindelig machte.
„Was hast du mir gegeben?" Redete ich überhaupt richtig, stand ich überhaupt gerade?
„Es könnte ein paar Sekunden dauern, aber ich habe dir deine wahre Erinnerung gegeben." Seine Stimme war weit weg und dann Sekunden später direkt an meinen Ohren. „Bitte kipp diesmal nicht um, ich will nicht schon wieder erwischt werden, T." Ja, ich hab's gehört, aber ich hab nichts von dem verstanden, was er sagte, weil seine Stimme wie in 'nem Megafon war, das mal direkt an meinen Ohren war und dann wieder weit weg.
Ich glaubte, ich hätte was gesagt, aber nicht mal ich selbst verstand, was mein Mund da von sich gab.
Rutsch ich hoch oder runter?
Und als ob dieser Super-Schwindel nicht genug wär, fingen Bilder und Stimmen an, in meinem Kopf zu erscheinen, und die kamen so schnell, dass ich gar keine Zeit hatte, zu verarbeiten, was ich sah oder hörte, um es mal so zu sagen.
„Jeden Moment, T."
Ach, Scheiße, ich muss kotzen.
Und ich ließ meine ganzen Magen-Säfte raus und es war verdammt eklig.
„Fünfunddreißig, ich glaub, ich hab 'nen Alarm gehört."
Elliot?
Was?
Wer ist Elliot?
Dieser gottverdammte Elliot Veron, die dumme KI, die sich in 'nen Menschen verknallt hat.
Doktor Veron?
Doktor? Meine Stimme lachte. Er ist eher wie 'n Lehrer, weil er 'n verdammter Besserwisser ist. Der Wichser.
Da merkte ich, wie ich...mit mir selbst sprach. Was ist das? Ist das 'ne dissoziative Störung, Schizophrenie, 'n Geist?
Als ich die Augen aufmachte, hatte ich Elliot's struppiges Gesicht vor mir, das auf mich runterblickte.
Warte, ich nenn ihn jetzt Elliot?
„Ich hab dir so oft gesagt, du sollst diesen verdammten Bart abrasieren." Hab ich das gesagt?
Er atmete schwer aus. „Gott sei Dank bist du wach, wir müssen abhauen, und hoffentlich schaffen wir das diesmal."
Er stützte mich, als ich mich bemühte, mich aufzurichten.
„Erinnerst du dich?"
Ich runzelte die Stirn. „Woran erinnern? Ich weiß nur, dass ich anscheinend jetzt fluche."
Also kenn ich diesen Typen wirklich – es ist nur ein Gefühl, aber die unbestreitbare Vertrautheit war da.
„Wenn Leib hier wär, hätte er mir wahrscheinlich 'ne geklatscht", ich hörte auf, das Sehnsuchtsgefühl von vorher war weg und es fühlte sich an, als würde ich nur über jemanden reden, den ich kaum kannte, da war nicht mal 'n Hauch von Zuneigung übrig. Ich versuchte mich zu erinnern, wie meine Familie aussah, aber ich konnte mich nur an Schnipsel ihrer Eigenschaften erinnern, wie Augenfarben, Haarlängen und -stile, Lächeln, aber ich konnte sie nicht als Ganzes sehen. Es war, als würden sie aus meinem Gedächtnis verschwinden.
„Wer ist Leib?" Fragte er und zuckte dann nonchalant mit den Schultern, als ich nicht antwortete.
„Das ist ein gutes Zeichen." Was? „Kannst du laufen, also geradeaus, ohne zu stolpern?"
Ich testete meine Gliedmaßen und machte kleine Sprünge. Die Sicht war okay und ich bin nicht tollpatschig wie 'n neugeborenes Zicklein, also alles gut. „Jupp." Was zur Hölle ist mit dieser Rede?
„Warum rede ich wie 'n Gangster?"
Der Idioten-KI hatte die Nerven zu grinsen. „So hast du dich schon immer ausgedrückt – naja, bevor du konditioniert wurdest."
Er hörte auf zu grinsen, „Die Erinnerungen haben sich noch nicht gesetzt, sehe ich."
„Ich nehme an, du bist jetzt mit deinen Fähigkeiten vertraut." Da war 'ne Frage in seiner Stimme.
Ich glaub schon. Ich starrte auf meine Hände und musste die Energie dahin lenken, das war wie Muskelgedächtnis. „Wahrscheinlich."
Wir hörten 'n Knall, „Ich setz dich nicht unter Druck oder so, aber nur du kannst uns hier rausholen, wenn nicht, dann sind wir beide Käse – mit Löchern. Und ich dränge dich nicht oder so, aber ich glaub, die sind ganz, ganz nah."
„Aber ich kenn dich immer noch nicht."
„Tust du, aber du musst mir jetzt vertrauen. Vielleicht brauchst du 'n Auslöser. Normalerweise funktioniert das sofort vorher." Er pausierte. „Was ist mit 'Nathan'?"
Was labert der denn für'n Quatsch?
„Nathan, Nathan, Nathan. Irgendwas?" Ich starrte ihn verdutzt an. „Oh, verdammt."
Ich beobachtete, wie sein Gesicht sich verzerrte und verpixelte, wenn das Sinn macht. Und nach ein paar Sekunden war da vor mir ein neues Gesicht. Was zur Hölle?
„Wir kommen hier lebend raus." Sogar seine Stimme veränderte sich.
Wie 'n Schnips, standen die Haare an meinem Nacken und Arm auf, und Bilder von demselben Gesicht blickten mich mit etwas tiefem in seinen Augen an, seine verschiedenen Ausdrücke bombardierten meinen Geist, da war er, wie er mich glücklich ansah, einer, wie er wütend aussah, einer traurig, und dann mit Schmerzen.
„Was zur Hölle bist du, Mann?" Und was tat er mir an?
Elliot seufzte genervt und verwandelte sich zurück, „Kannst du uns bitte einfach zuerst retten und dann erzähl ich dir alles später?"
„Vor wem soll ich uns denn retten?" Ich fragte mich diesmal nicht, ob ich es konnte oder nicht, weil ich es spürte; niemand kann mich aufhalten.
„Komm mit." Sagte er und rannte zu dem quadratischen Rahmen, der sich sofort öffnete, als er davor anhielt.
Ich tat, was er mir sagte, und folgte ihm hinaus und dann in den weiß-wie-die-Hölle-Flur. Am Ende war 'n Aufzug, wir nahmen ihn und er drückte den obersten Knopf. 'N Song spielte in geringer Lautstärke, als sich die Türen schlossen.
„Warum bringst du uns ganz nach oben, sollen wir nicht einfach durch die erste Etage rausgehen, weil da die Straße ist?" Ich konnte nicht sagen, wo ich dieses Lied gehört hatte, „You came and you gave without taking, but Ich sent you away, oh, Mandy..." es fühlte sich so an, als hätte ich früher mitgesungen.
Er guckte mich todernst an. „Wir sind Kilometer unter der Oberfläche, du Amnesie-Frau."
Oh. „Müssen wir jetzt ewig in diesem Ding fahren?"
„Dreißig Minuten, wenn wir nicht gestört werden."
„Das ist immer noch 'ne verdammt lange Zeit, warum erzählst du mir nicht was, während wir warten?"
„Die Tränen sind in meinen Augen, und nichts reimt sich, oh Mandy"
„Ähm-hm und dann hast du hier Zuckungen, wenn die Erinnerungen kommen und dann ich dich unterstützen muss, und dann sehen uns die Leute, die auf uns warten, mit dir am Boden, und dann schießen sie auf mich und dich, und dann sind wir beide tot – naja, ich tot, weil du verdammt unsterblich bist."
Ich glaub, das war dann 'n Nein.
„Warten wir auf den Aufzug, bis er ankommt."
Ein weiterer Song spielte und mein Geist war leer von Gedanken. Ich dachte buchstäblich an nichts, nur wartete und beäugte die Nummer des letzten Knopfes, der aufleuchten sollte. Und verdammt, er hatte nicht mal die Hälfte erreicht.
Warte. „Was meinst du mit, ich bin unsterblich?"
Elliot wandte sich von dem glänzenden Metall ab, in dem er sein Spiegelbild betrachtete, und ich wäre fast hochgesprungen, als ich sein, wieder, neues Gesicht sah. „Buchstäblich das Wort, T."
„Wie, bin ich 'n Vampir?" Na Scheiße, wenn das wahr wäre.
Er kicherte. „Und ich bin 'n Zombie."
„Hast du überhaupt 'n echtes Gesicht?" Eine der seltsamsten Fragen, die ich ihm während der ganzen Zeit gestellt hatte, in der ich ihn getroffen hatte.
„Klar, hab ich, ich dachte nur, ich wär mit dem Gesicht zu perfekt."
„Warum benutzt du es nicht jetzt?"
„Willst du es, kriegst du es, mein Freund." Sein Gesicht verzerrte sich wieder und heilige Scheiße, als es sich setzte.
Das war ein Gesicht mit Proportionen, woher wohl die goldenen Proportionen kamen.
„Dein Starren bringt mich zum Erröten." Er blinzelte mich mit seinen Amethystaugen an. „Davon hab ich geredet, soll ich zurückwechseln? Ich kann dich nicht buchstäblich atemlos machen mit meiner Schönheit." Ähm-hm, sein großes Ego war wahrscheinlich sein einziger Fehler. Zusammen mit meinem Brandmal auf seinem Shirt.
„Warum hast du das nicht vorher benutzt?" Er war wie 'n perfekt geformter Diamant mit den richtigen Seiten und Ecken. „Du solltest dieses Gesicht öfter benutzen, eigentlich nicht ändern, das ist mehr als gut."
„Das ist das Thema, über das wir uns geeinigt haben, nicht zu reden, Fünfunddreißig, unter anderem. Weißt du was, ich halt das Tempo nicht aus, halt dich fest, wir geben Gas."
Ich hatte keine Zeit zu fragen, wovon er redete, als der Aufzug hochfuhr und ich sofort auf dem Boden festgenagelt war.
Die Zahlen auf dem kleinen Bildschirm in der Nähe der Knöpfe flogen und ich kämpfte mit der Trägheit, um mich aufzurichten. „Was zur Hölle hast du getan?"
„Ich bin 'ne KI, erinner dich? KI, Computer, und der Aufzug wird von 'nem Computer gesteuert, checkst du's?" Er war in der Ecke des Dings verankert, gut für ihn mit der perfekten Form, dem perfekten Körper und Gesicht. Was wollte er noch mehr?
Liebe. War ein flüchtiges Flüstern in meinem Kopf, das aber ignoriert wurde, als ich versuchte, mich aufzurichten.
Nach mehreren Haltungskämpfen bewegte sich der Aufzug langsam und ich hatte wieder das Gefühl, mein ganzes Innere rauszuwürgen. „Sind wir da?" Fragte ich und beruhigte meinen Hals.
„Mhmm", antwortete Elliot 'ne halbe Sekunde, bevor sich die Türen öffneten.
Nichts wartete auf uns, als wir aus dem Metallkasten stiegen...außer dem Geräusch von irgendwas, das rollte. „Was ist das?", flüsterte ich.
„Warte, ich gleiche jeden Ton ab, der so klingt – und wir haben vier mögliche Ergebnisse: leere Blechdose, halb leere dickwandige Glasflasche, Rohr und 'n Sprengkanister." Er atmete aus, „beten wir, dass es eins der ersten dr—"
'ne Explosion schleuderte uns gegen 'ne nahe Wand und nahm mir kurzzeitig den Atem.
Ich untersuchte meine Verletzung, während ich nach meinem Begleiter suchte, aber außer 'nem Klingeln in den Ohren und 'ner blutigen Stirn war alles normal. Was erstaunlich war, dass ich überhaupt keinen Schmerz verspürte. Vielleicht wegen Adrenalin?
Und dann fingen Kugeln an, unzeremoniell auf uns niederzuregnen, zum Glück zog Elliot mich zur Seite, bevor der erste Schuss einen von uns traf.
„Ich glaub, mein Kopf ist eingedellt", sagte er mir, bevor ich überhaupt fragen konnte, ob es ihm gut ging. „Bitte heiz dich schon mal auf, damit ich dich als eine Art menschlichen Schutzschild benutzen und hier rauskommen kann."
Was zur Hölle, 'n menschlicher Schutzschild? „Geh sterben, ich werd nicht dein verdammter Schutzschild sein!" Schrie ich ihn durch den Kugelhagel an.
Er schlug sich die Hand auf die Stirn. „Warum hat dein Hirnsaft versagt, diesmal deine Erinnerungen zurückzubringen?" Er atmete aus. „Heiz dich auf, damit du die Kugeln schmelzen kannst, bevor sie uns überhaupt berühren. Zu guter Letzt benutzen die elektrifizierte Schüsse, die mich eine Weile ausschalten können, also..." Er deutete an, dass ich meine Sache machen sollte, während er wartete.
Wie zuvor war es wirklich Muskelgedächtnis, als ich mit nur einem Gedanken mühelos die Hitze aus meinem Körper erzeugte und freisetzte.
„Heißer", sagte er mir, „nicht genug, um 'n schnellen Schuss zu schmelzen."
Ich blieb stehen und guckte ihn an, als wären ihm Zehen auf seinem perfekten Gesicht gewachsen. „Du weißt schon, dass wir, um 'n schnellen Schuss zu schmelzen, wahrscheinlich auf zehntausend Millionen Grad Celsius gehen müssen, oder?"
Diese Kenntnisse tauchten plötzlich auf mysteriöse Weise in meinen Gedanken auf, wenn ich sie brauchte.
Er sah mich offensichtlich ahnungslos an. Dieser dumme Idiot.
„Wie heiß ist der Kern der Sonne in Celsius?"
„Musst du das fragen, wenn wir unter Beschuss stehen, du Irrer?" Er pausierte. „Es sind etwa siebenundzwanzig Millionen Grad Celsius." Er antwortete trotzdem.
„Muss ich fast so viel Hitze reflektieren wie die Sonne, nur um schnelle Kugeln zu schmelzen? Wir wollen weg, nicht die Erde schmelzen, also irgendwelche anderen Ideen?" Ich wusste, ich konnte höher gehen als die Hitze der Sonne, ich wusste es, weil ich mich irgendwie erinnerte, in 'nem Ding namens Z-Machine getestet worden zu sein, das Milliarden von Celsius in einer kontrollierten Umgebung erzeugte.
Das Schießen hörte auf.
„Die müssen nachladen", dachte ich laut.
„Ich meine, wir sind beide superschnell."
„Das hättest du von Anfang an sagen können, so nach dem du mir in den Kopf gepiekst hast oder davor."
Ich lugte aus der Wand, an der wir lehnten. „Also, wir rennen einfach, richtig?"
Als ich sein „Ähm-hm" hörte, war ich schon aus unserem Versteck raus und rannte. Ich sah Leute in schwarzen Klamotten in der Mitte, die ihre Magazine steckten oder rauszogen, einer versuchte, mich zu erstechen, aber ich war schneller und knallte ihm seine Waffe auf den Hals, ich rannte weiter, aber griff jeden an, der mich zuerst angriff. Der Ort war wie 'n Labyrinth mit seinem weiß-Wand-zu-Boden-Design, das ich zweimal umrundete, bevor ich die Tür fand, die nach draußen führte.
Ich blieb stehen, als ich dachte, ich wär weit genug von dem...was auch immer ich herkam, weg, und Elliot blieb hinter mir stehen. „Woah, das letzte Mal war ich im Sommer draußen—". War ich überhaupt jemals draußen gewesen?
„Ist es schon Winter?"
Der Schnee war so hoch, dass er mir bis über die Knie reichte, und es war seltsam, dass ich nicht friere. Ich spürte die Kälte, aber ich war nicht kalt.
„Es ist immer noch Sommer, T." Das war das erste Mal, dass ich Trauer in Elliot's Stimme hörte, seit ich ihn getroffen hatte. „Angeblich."
„Was meinst du?" Ich drehte mich um und sah ihn auf mich zukommen.
„Die Erde ist zugefroren und alles stirbt."