Kapitel 46
Die Luft knisterte vor Anspannung, dicker als der abgestandene Zigarrenrauch, der in Bobbys Büro herumwirbelte. Eine Ader pochte deutlich in seiner Schläfe, spiegelte die pulsierenden roten Armaturenbrettlichter des zerstörten Sicherheitsautos auf der Projektionsleinwand wider.
"Die sind in die Zelle gekommen?" brüllte Bobby, seine Stimme ein raues Knurren. Seine donnernde Stimme jagte Schauer über den Rücken seiner Leutnants, Scar und Ricco, die steif vor ihm standen.
"Ja, Sir", stotterte Scar, seine Stimme kaum ein Piepsen. "Das Sicherheitsvideo zeigt, wie Sarah mit einem Brecheisen reinkommt. Anscheinend hat jemand von innen die Sicherheitsprotokolle deaktiviert."
Bobby schlug mit der Faust auf den Tisch, zerbrach Gläser und ließ einen Kristallaschenbecher über seine glänzende Oberfläche rutschen. "Jemand von innen? Du meinst einen verdammten Maulwurf!"
Ricco warf ein: "Sir, mit allem Respekt, Brüllen bringt uns nicht weiter. Wir brauchen einen Plan."
Bobby starrte ihn an, seine Wut ließ kurz nach. Er wusste, Ricco hatte Recht. Aber der Gedanke an Sarah, diesen rebellischen kleinen Dorn in seiner Seite, der ihm durch die Finger glitt, erfüllte ihn mit einem erneuten Wutanfall.
"Findet das Leck", spuckte er, seine Stimme kalt und voller Drohungen. "Und findet sie schnell. Ich will, dass diese Einrichtung durchsucht wird. Jeder Wachmann, jeder Techniker, jeder, der bei dieser Flucht geholfen haben könnte – gegrillt, bis sie wie Kanarienvögel singen."
Scar und Ricco tauschten einen besorgten Blick aus. Es würde nicht lustig werden, eine gründliche interne Befragung durchzuführen, und es gab kaum eine Möglichkeit, den Maulwurf zu finden. Getrieben von Terror und der Aussicht auf eine fette Auszahlung zeigten die meisten ihrer Teams unerschütterliche Loyalität.
"Und Sarah?" fragte Ricco vorsichtig.
Bobby schnaubte. "Kümmern Sie sich nicht um diese kleine Ausreißerin. Sie kommt nicht weit. Suchplakat raushauen, die Patrouillen auf allen wichtigen Nordrouten verdoppeln. Sie können sich nicht in Luft auflösen."
Ein Anflug von Zweifel huschte über Scars Gesicht. "Aber Sir, was ist mit Mr. Black? Wir haben seit..." seine Stimme verstummte, er brauchte den Satz nicht zu beenden.
Bobbys Kiefer ballte sich fest zusammen. Der Gedanke an Mr. Black, diesen sich einmischenden alten Dummkopf, der möglicherweise bei Sarahs Flucht half, war eine bittere Pille zum Schlucken. Aber im Moment hatte er größere Probleme.
"Mr. Black kann warten", sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. "Im Moment ist es unsere Priorität, Sarah zurückzubekommen. Und sicherzustellen, dass jeder, der ihr bei der Flucht geholfen hat, den ultimativen Preis zahlt."
Scar und Ricco nickten finster, verstanden die unausgesprochene Drohung. Bobby war nicht nur hinter Sarah her; er wollte eine Botschaft senden. Eine Botschaft absoluter Kontrolle, eine Botschaft, dass ihm zu trotzen zu einem schnellen und brutalen Ende führen würde.
Bobbys Wut lastete schwer in der Luft, als sie das Büro verließen. Das einzige Geräusch im Raum war das gespenstische Leuchten des Sicherheitsfilms, der ununterbrochen auf dem Bildschirm flackerte und als ständige Erinnerung an ihr Versagen diente. Sie hatten gerade erst mit der Suche nach Sarah und dem Verräter unter ihnen begonnen.
Wie ein Tiger im Käfig ging Bobby in seinem Büro auf und ab. Die Empörung hatte sich in kalte, kalkulierte Wut verwandelt und begann zu brodeln. Sarahs Flucht war ebenso eine persönliche Beleidigung wie ein Ärgernis. Er hatte sie, ihr Engagement und das Ausmaß, in dem sie bereit war, ihre Familie zu unterstützen, falsch eingeschätzt.
Er schlug mit der Hand gegen die kühle Glasscheibe und blickte auf die riesige Metropole hinab. Die Stadtlandschaft, normalerweise eine Quelle der Zufriedenheit, schien ihn jetzt zu verspotten. Seine Kontrolle, seine Macht – alles fühlte sich prekär an.
"Findet sie, schneller", knurrte er in seine Gegensprechanlage, ohne sich an jemanden zu wenden.
Eine abgehackte Stimme antwortete: "Suchkommandos durchkämmen die Nordroute, Sir. Wir haben alle Kontrollpunkte alarmiert."
Bobby seufzte, der Klang schwer vor Frustration. Sarah mit Gewalt zurückzuholen, war die offensichtliche Lösung, aber nicht die befriedigendste. Er wollte, dass sie zu ihm zurückkroch, gebrochen und um seine Gnade flehte. Ein Funke bösen Vergnügens blitzte in seinen Augen bei dem Gedanken.
Er nahm ein Telefon und wählte eine Nummer. "Victor? Hier ist Bobby. Wir müssen reden."
Momente später dröhnte eine raue Stimme aus dem Hörer. "Bobby. Was ist denn los?"
"Ein kleiner Rückschlag", antwortete Bobby, seine Stimme sanft, trotz der Aufregung in ihm. "Mein Lieblingsprojekt hat beschlossen, mit ihrer Schwester ein wenig Urlaub zu machen."
Victor kicherte, ein harter, humorloser Klang. "Klingt, als hätte dein Charme seinen Touch verloren."
"Keine Sorge", sagte Bobby, ein stählerner Rand schlich sich in seine Stimme. "Sie wird zurückkommen. Aber ich will sie gebrochen zurück. Gedemütigt. Um meine Gnade bettelnd."
Das andere Ende der Leitung schwieg lange. Schließlich bemerkte Victor: "Das klingt nicht nach der Sarah, die du beschrieben hast."
"Sie ist einfallsreicher, als ich ihr zugestanden habe", gab Bobby zu. "Aber jeder hat einen Bruchpunkt. Ich brauche etwas, das sie dazu bringt, zurückzukriechen, etwas, das sicherstellt, dass sie mir nie wieder trotzt."
Victor summte nachdenklich. "Es gibt immer den Hebelansatz. Jemand, der ihr am Herzen liegt..."
Bobbys Augen verengten sich. "Die Zwillinge? Nein. Zu riskant. Mr. Black würde mir das nie verzeihen."
"Dann musst du etwas anderes finden, etwas, das ihr am Herzen liegt", sagte Victor, seine Stimme triefte vor einem Hauch von Vergnügen. "Etwas, das du ihr über den Kopf halten kannst, ein kleiner Anreiz für ihre Rückkehr."
Bobbys Geist raste. Bilder von Sarah blitzten vor ihm auf: ihre Trotz, ihre Loyalität zu ihrer Familie, ihre heftige Beschützerinstinkt für ihre Schwester. Er musste diesen Beschützerinstinkt ausnutzen, ihn in eine Waffe gegen sie verwandeln.
Ein erschreckender Gedanke begann plötzlich in seinem Kopf zu wachsen. Sein Gesicht verwandelte sich in ein verzerrtes Lächeln. Seine Stimme war tief und finster: "Ich habe genau das Richtige", fügte er hinzu.
Bobby stieß ein wütendes Stöhnen aus und knallte den Hörer zu. Victors Vorschlag, Druckmittel einzusetzen – jemanden, der Sarah am Herzen lag – war der richtige Ansatz gewesen, aber Olivia wieder zu benutzen, war ausgeschlossen. Sarah hatte gerade bewiesen, wie weit sie gehen würde, um ihre Schwester zurückzubekommen.
Er brauchte etwas, das Sarah näher am Herzen lag, jemanden, den sie nicht ohne weiteres verlassen würde. Seine Augen blitzten und fixierten ein gerahmtes Foto auf seinem Schreibtisch. Es zeigte Sarah, strahlend und glücklich, mit dem Arm um einen freundlich aussehenden Mann in seinen späten Fünfzigern. Ihr Vater, David.
Ein grausames Lächeln umspielte Bobbys Lippen. "David Carter", murmelte er, seine Stimme voller Drohungen. "Scheint, es ist Zeit für ein kleines Wiedersehen."
**Später in dieser Nacht**
Zwei stämmige Gestalten, Ricco und ein anderer Vollstrecker namens Smash, schlichen durch die Schatten, die von dem großen Eichenbaum vor Davids Vorstadthaus geworfen wurden.
"Bist du dir sicher, dass das der Ort ist, Smash?" flüsterte Ricco, seine Stimme eng vor Angst.
"Positiv", antwortete Smash und überprüfte die Adresse auf einem zerknitterten Papierstück. "Habe ich heute Morgen selbst ausgekundschaftet."
Ricco musterte das Haus. Es war ein friedliches zweistöckiges Gebäude, dessen Fenster mit warmem Licht leuchteten. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie dabei waren, etwas Heiliges zu stören.
"Glaubst du, Bobby meint das ernst?" fragte er, seine Stimme kaum ein Flüstern.
"Wer sind wir, um den Chef zu hinterfragen?" grunzte Smash und fummelte mit einem Satz von Dietrichen herum.
Ricco atmete scharf aus. Er war Bobby gegenüber loyal, aber die Entführung eines unschuldigen Mannes lag ihm schwer im Magen. Das Bild von Sarahs flehendem Gesicht blitzte in seinem Kopf auf. Das war nicht die Art und Weise, wie er die Dinge sehen wollte.
Mit einem Klick gelang es Smash, das Schloss der Haustür zu überlisten. Er drückte die Tür einen Spalt weit auf, seine Hand griff nach seiner Pistole.
"Warte", zischte Ricco, eine plötzliche Vorahnung von Gefahr packte ihn. "Irgendwas stimmt nicht."
Vorsichtig, Das Haus blieb seltsam still. Die Lichter im Wohnzimmer brannten, aber die Möbel waren ordentlich angeordnet, als hätte dort schon lange niemand mehr gewohnt.
Smashs Gesichtsausdruck verzog sich vor Verzweiflung. "Leer? Was für eine Zeitverschwendung!"
Ein kalter Schrecken breitete sich in Riccos Brust aus. "Warte", sagte er, seine Stimme zitterte. "Überprüf die Schlafzimmer."
\ Sie durchsuchten schnell das Haus und fanden alle Räume akribisch leer – Kleiderschränke leer, Betten abgeräumt, sogar Bilderrahmen von den Wänden entfernt. Es war, als wäre David Carter in Luft aufgelöst.
"Verdammt noch mal!" fluchte Smash und trat wütend gegen einen herumliegenden Schuh. "Jemand hat ihn gewarnt!"
Riccos Geist raste. Wer hätte David warnen können? Ein Verräter in ihren Reihen, vielleicht? Oder vielleicht Sarah selbst, die es irgendwie geschafft hatte, eine Botschaft zu senden, obwohl sie auf der Flucht war? Der Gedanke jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
Sie stürmten zurück nach draußen, Frustration und eine schwelende Angst wüteten in ihnen. "Was jetzt?" forderte Smash, seine Stimme angespannt.
Ricco wischte eine Schweißperle von seiner Stirn. "Wir müssen das Bobby melden. Und dieses Mal schlage ich vor, dass wir diese Wachen in der Einrichtung ernsthaft befragen."
"Wird Zeit", knurrte Smash und malte sich bereits eine lange Nacht der Verhöre aus.
Als sie aus dem verlassenen Haus wegfuhren, blieb das Bild von Sarahs entschlossenem Gesicht in Riccos Geist haften. Vielleicht, nur vielleicht, gab es noch Hoffnung, dass sie sich unter Bobbys Daumen befreien konnten.
Vielleicht war Sarah, mit ihrem Mut und ihrem Einfallsreichtum, der Schlüssel, um aus ihrem eigenen vergoldeten Käfig auszubrechen.
Die Nachricht von Davids Verschwinden traf Bobby wie ein körperlicher Schlag. Die selbstgefällige Zufriedenheit, die er sich vorgestellt hatte, als Sarahs Welt um sie herum einstürzte, verwandelte sich in eine kalte, beunruhigende Angst. David war nicht nur ein Druckmittel; er war ein Glücksspiel, eine Variable, mit der er nicht gerechnet hatte.
"Die waren nicht da?" brüllte Bobby, seine Stimme hallte in dem höhlenartigen Büro wider. Ricco und Smash standen vor ihm, ihre Gesichter finster.
"Leeres Haus, Sir", meldete Ricco, seine Stimme kaum ein Flüstern. "Keine Spur von einem Kampf, kein gewaltsames Eindringen. Es ist, als wäre Mr. Carter in Luft verschwunden."
Bobby schlug mit der Faust auf den Schreibtisch und verstreute Papiere über die polierte Oberfläche. "Verdammt noch mal! Wer hat ihn gewarnt?"
Smash räusperte sich. "Wir vermuten ein Leck in der Einrichtung, Sir. Irgendjemand könnte Mr. Carter über die Flucht informiert haben."
Bobbys Blick verengte sich zu einem gefährlichen Schlitz. Ein Verräter in seinen Reihen? Das war die letzte Komplikation, die er brauchte. Er starrte Ricco und Smash an, seine Stimme voller Argwohn.
"Ihr habt die Wachen befragt, richtig? Ihr habt jedes bisschen Information aus ihnen herausgequetscht?"
Ricco zögerte. "Wir haben eine gründliche Befragung durchgeführt, Sir. Aber sie alle beharrten auf ihrer Unschuld."
Bobby schlug erneut mit der Hand auf, seine Augen brannten vor Wut. "Dann wart ihr nicht gründlich genug! Wir brauchen Antworten, und wir brauchen sie sofort."
Er holte tief Luft und versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. "Änderung des Plans", sagte er in ernstem Ton. "Macht ein Team fertig. Wir statten Mr. Black einen Besuch ab."