Ein Krieg entfacht sich neu
Der SUV raste durch die dunklen Straßen von New York, das Gewicht dessen, was gerade passiert war, drückte alle im Fahrzeug nieder. Der Gestank von Rauch hing an ihrer Kleidung, eine eindringliche Erinnerung an die Explosion, die sie fast ganz verschluckt hätte.
Alina saß steif hinten, ihre Finger um den Sicherheitsgurt gekrallt, während sie versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Der Name Vincent Salvatore wiederholte sich immer und immer wieder in ihrem Kopf wie ein Totengeläut.
Sie warf einen Blick auf Damon, der am Fahrersitz saß, mit so angespanntem Kiefer, dass sie dachte, seine Zähne könnten zerbrechen. Seine Hände umklammerten das Lenkrad mit einer Kraft, die seine Knöchel weiß werden ließ, die Anspannung in seinem Körper war so dick, dass es erstickend war.
"Wo fahren wir hin?" fragte sie schließlich und unterbrach die dicke Stille.
Damon antwortete nicht sofort. Seine Augen blieben auf der Straße, dunkel und unlesbar, seine Gedanken spiralten sich in etwas viel Gefährlicheres als alles, womit sie zuvor konfrontiert waren.
"Sicheres Haus", murmelte Marco vom Beifahrersitz aus und lud ein frisches Magazin in seine Pistole. Sein Gesichtsausdruck war düster. "Wir müssen uns verstecken. Zumindest bis wir herausgefunden haben, was zum Teufel gerade da hinten passiert ist."
Damon stieß ein bitteres Kichern aus, obwohl es darin keinen Humor gab. "Was passiert ist?" Er verstärkte seinen Griff am Lenkrad. "Die Vergangenheit ist von den Toten auferstanden."
Alina schluckte schwer. Sie hatte Damon schon wütend gesehen. Sie hatte ihn schon rücksichtslos, furchterregend und unaufhaltsam gesehen.
Aber das – das war etwas anderes.
Das war persönlich.
Sie legte zögernd eine Hand auf seinen Arm. "Damon, wer ist er? Was meinte er, als er sagte, du hättest dein Imperium auf seinen Überresten aufgebaut?"
Sein Kiefer zuckte, seine Augen huschten für den Bruchteil einer Sekunde zu ihren, bevor sie wieder zur Straße zurückkehrten. "Vincent Salvatore sollte tot sein." Seine Stimme war wie Stahl, kalt und scharf. "Ich habe dafür gesorgt."
Das Gewicht seiner Worte drückte auf ihre Brust.
"Du hast ihn getötet?" flüsterte sie.
Damon antwortete nicht sofort. Er atmete durch die Nase aus und umklammerte das Lenkrad noch fester. "Ich dachte, das hätte ich getan. Vor langer Zeit. Vincent war nicht irgendwer, Alina. Er war einer meiner ersten Verräter. Einer der ersten, die mich lehrten, dass Vertrauen eine Schwäche in dieser Welt ist."
Marco schnaubte. "Der Bastard hatte es verdient."
Alina runzelte die Stirn. "Wie ist er dann noch am Leben?"
Damons Blick verdunkelte sich. "Das ist die Millionen-Dollar-Frage."
Das Fahrzeug bog scharf auf eine menschenleere Straße ab und schlängelte sich durch die Stadt, bis sie eine Tiefgarage erreichten. Damon fuhr hinein, stellte den Motor ab, bevor er sich Alina zuwandte.
"Von jetzt an gehst du nirgendwohin ohne mich oder Marco. Verstanden?" Seine Stimme war von etwas Gefährlichem durchzogen – Angst.
Sie nickte, ihre Kehle schnürte sich zu.
"Vincent wird nicht aufhören", murmelte Marco. "Er ist nicht der Typ, der eine Groll loslässt. Und jetzt, wo er mit Adrian zusammenarbeitet..."
Damon fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und atmete scharf aus. "Das ändert alles."
Alina beobachtete ihn aufmerksam. "Was bedeutet das? Für uns?"
Damons Augen erweichten sich, wenn auch nur für eine Sekunde. Er griff nach ihrer Hand, sein Daumen strich über ihre Knöchel. "Das bedeutet, dass ich nicht zulassen werde, dass dir etwas zustößt. Egal was passiert."
Aber Alina wusste, dass das nicht die ganze Antwort war.
Es bedeutete Krieg.
Und Damon bereitete sich darauf vor.
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### **Das sichere Haus**
Das sichere Haus war ein unauffälliges Brownstone in einem ruhigen Teil der Stadt, dessen Äußeres sich in die restliche Nachbarschaft einfügte. Im Inneren jedoch war es eine Festung. Verstärkte Wände, kugelsichere Fenster und ein Arsenal, versteckt hinter Bücherregalen und verschlossenen Fächern.
Alina hatte kaum Zeit, ihre Umgebung wahrzunehmen, bevor Damon anfing, Anrufe zu tätigen. Seine Stimme war scharf, befehlend, gab seinen Männern Befehle, als er sich im Haus bewegte.
"Doppelte Sicherheit an allen Clubstandorten. Niemand kommt rein oder raus ohne Freigabe."
"Holt Infos über Vincent. Ich möchte wissen, wo zum Teufel er all die Jahre war und warum er jetzt hinter mir her ist."
"Findet Adrian. Dieser Bastard wird sich nicht lange verstecken."
Marco bereitete bereits Waffen auf dem Esstisch vor, inspizierte und lud Magazine, als würden sie sich auf einen Kampf vorbereiten.
Und vielleicht waren sie es ja.
Alinas Kopf drehte sich. Noch vor Stunden hatte sie sich Sorgen um Victor gemacht. Um Adrians Drohungen. Jetzt gab es einen völlig neuen Feind.
Einen Feind, von dem Damon einst dachte, er sei tot.
Sie setzte sich auf den Rand des Sofas und versuchte, alles zu verarbeiten. Aber bevor sie es konnte, stand Damon vor ihr, hockte sich hin, so dass sie sich auf Augenhöhe befanden.
"Hey", murmelte er, seine Hände legten sich auf ihre Knie. "Red mit mir."
Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle. "Sind wir hier überhaupt sicher?"
Sein Blick verdunkelte sich. "Im Moment. Aber ich gehe kein Risiko ein."
Alina atmete zitternd aus. "Vincent... er sah mich an, als wäre ich eine Schwäche. Als könnte er mich benutzen, um dich zu verletzen."
Damons Griff um sie verstärkte sich. "Niemand berührt dich. Weder Adrian. Noch Vincent. Noch irgendjemand."
Sie wollte ihm glauben. Aber irgendetwas an der Art und Weise, wie Vincent sie angesehen hatte, wie er mit Damon gesprochen hatte – es fühlte sich wie eine Warnung an.
Ein Versprechen dessen, was kommen würde.
Und tief im Inneren wusste sie, dass dies erst der Anfang war.
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### **Ein Geist aus der Vergangenheit**
Während Damon Vorbereitungen traf, scannte Marco bereits Sicherheitsfeeds und zog alle Spuren von Vincents Aufenthaltsort ab.
"Hab was", murmelte er.
Damon bewegte sich neben ihn, die Augen verengten sich, während er den Bildschirm beobachtete.
Das Filmmaterial war verrauscht, aber es reichte aus, um zu sehen, wie Vincent in ein schlankes schwarzes Auto stieg, Adrian stand neben ihm.
Damon ballte die Fäuste.
"Wo wurde das aufgenommen?"
Marco tippte auf den Bildschirm. "Zwei Blocks vom Lager entfernt. Er hat sich noch nicht einmal bemüht, sich zu verstecken."
Alina, die sich neben sie gestellt hatte, runzelte die Stirn. "Was bedeutet das?"
Damons Stimme war tief, gefährlich. "Das bedeutet, dass er will, dass ich weiß, dass er wieder da ist. Er will, dass ich ihn suche."
Marco seufzte. "Es ist offensichtlich eine Falle."
Damons Lippen verzogen sich zu einem dunklen Grinsen. "Dann müssen wir uns eben unsere eigene bauen."
Alinas Magen verdrehte sich. "Damon—"
Aber er wandte sich bereits ab, sein Geist drehte sich mit Strategien und Gegenangriffen.
Es ging nicht mehr nur um Geschäfte.
Das war persönlich.
Und Damon verlor nie einen Krieg.