Kapitel 48. Der Traum
Bad. Ne Stadt, die überquillt vor Kohle, ne wahre Symphonie aus Gold. Neben den römischen Bädern, dem Royal Crescent, dem Circus und den Versammlungssälen wimmelte es nur so von Urlaubern und Glücksrittern. Oft wurde gesagt, wenn ein junger Herr ne reiche Braut finden wollte, musste er nur seine Blicke auf Bad richten.
Vor ihrer Heirat war Alicia so gut wie unnahbar gewesen, außer für diejenigen, die schon in ihrem engsten Kreis waren. Alles, was man über sie wusste, war, dass sie ne Dame von beträchtlicher Bedeutung war. Außerdem hatte sie ihr offizielles Debüt in der Gesellschaft noch nicht gegeben, und ihre Besuche in Bad waren von stiller Abgeschiedenheit geprägt, immer in Begleitung ihrer Gouvernante, ner Aufpasserin und nem Diener. Alle sprachen von der Ankunft der Tochter eines Herzogs, aber niemand konnte nen Namen, geschweige denn nen Gesicht, auf das Gerücht setzen. Und so blieb sie in nem Schleier der Mysterien gehüllt.
Nachdem die beiden Rundgänge bei Familie und Freunden gemacht hatten, die zufällig auch in der Stadt waren, bezogen die Frischvermählten ne bescheidene (zumindest nach ihren Maßstäben) Wohnung. Ihre Tage waren gefüllt mit gemütlichen Spaziergängen, Besuchen im Spa, Konzerten und dem obligatorischen Probieren des Mineralwassers. Diese Art von Urlaub war ein üblicher Teil ihrer Routine; Herbst und Winter riefen unweigerlich nach nem Aufenthalt in Bad.
Mit dem Zustrom der Besucher platzten die Upper und Lower Assembly Rooms in Bad förmlich aus allen Nähten. Matronen scheuchten eifrig ihre Töchter zu diesen Treffen, suchten nach Vorstellungen von Mr. King, dem Zeremonienmeister. Es war ne Chance, sich mit Bekannten zu treffen und, was noch wichtiger war, Begegnungen mit geeigneten jungen Männern zu arrangieren, vielleicht sogar nen Tanz oder zwei.
Sie waren mehrmals auf der Tanzfläche gewesen. Öffentliche Versammlungssäle waren im Gegensatz zu den exklusiveren privaten Bällen, die von der Aristokratie veranstaltet wurden, für ne viel breitere Palette von Personen offen. Frei von den prüfenden Blicken und dem geflüsterten Klatsch hinter flatternden Fächern hatte das Paar vier aufeinanderfolgende Tänze getanzt, bevor es sich Hand in Hand in den Teeraum zurückzog.
Alicia zog es gelegentlich vor, sich mit ner gewissen lässigen Eleganz zu kleiden, bevorzugte ihre weißen Kleider und ne einfache Kette aus roten Korallenperlen. Selbst inmitten der geschäftigen Menschenmassen der Bad Assembly Rooms blieb sie ne Figur von fesselnder Schönheit, ihre hohe, schlanke Gestalt, ihre Kaskade aus schimmerndem goldenem Haar, ihr zarter Hals, alles betont durch nen langen, warmen Schal. Dieses bewusste Verwischen der Kleiderordnungen führte dazu, dass viele annahmen, sie sei noch unverheiratet. Diejenigen, die sie nicht kannten, konnten nach wiederholtem Sehen dieser exquisiten Schönheit nicht anders, als über ihre Identität zu spekulieren. Bad war ne Stadt, die von Prunk lebte. Junge Damen mit beträchtlichem Mitgift schmückten sich oft mit extravaganten Stoffen, aufwändigen Fächern und glitzernden Juwelen, allesamt dazu bestimmt, ihren beachtlichen Wert zu zeigen. Sie wurden zu Zielen von ehrgeizigen jungen Männern, die darauf brannten, ihre Aufmerksamkeit zu schenken. In so nem Umfeld war ein außergewöhnliches Aussehen besonders bemerkenswert. Das Fehlen von Klarheit in Bezug auf ihre Mitgift diente jedoch als vorübergehende Behinderung.
Bad war einfach zu überfüllt; ein einzelner Abend in den Versammlungssälen konnte über tausend Besucher verzeichnen. Wie es das Schicksal – oder vielleicht das Unglück – wollte, gab es keinen betitelten Aristokraten, der sie zufällig erkannte und durch nen Gruß versehentlich ihren Status verriet. Darüber hinaus hielt das Paar ein bemerkenswert niedriges Profil ein; abgesehen von der Kutsche, die sie jeden Abend zum Royal Crescent zurückbrachte, gab es nur wenige äußere Anzeichen ihres beträchtlichen Reichtums. (Nur die ganz Wohlhabenden oder die ganz Dummen nahmen sich Unterkünfte im Royal Crescent.)
Und so erhielt Alicia nen Spitznamen: Miss Mystère – die Mystery Miss.
Die Damen und Herren, die in den Versammlungssälen ankamen, waren es gewohnt, die Menge nach bekannten Gesichtern abzusuchen, um den Trost des gemeinsamen Gesprächs zu suchen. Alicia jedoch kümmerte sich wenig um solche gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Unnötige Höflichkeiten zu vermeiden, verschaffte ihr ein Gefühl der Erleichterung, der Freiheit. Sie genoss ihre Zeit allein.
Diejenigen, die es jedoch eilig hatten, sie kennenzulernen, scheiterten, da es niemanden gab, der die notwendigen Vorstellungen durchführen konnte. Sie konnten nur aus der Ferne beobachten, ihre Neugier geweckt. Miss Mystère hob nen Glas Limonade an ihre Lippen und nahm nen zarten Schluck. Ihre Bewegungen waren der Inbegriff von Anmut, absolut tadellos. Sie wurde von keiner weiblichen Verwandten begleitet, doch sie besaß nicht die nervöse Unbeholfenheit einer unverheirateten jungen Dame. Sie trug sich aber auch nicht mit der sicheren Luft ner Matrone. Sie war kurz gesagt ne Eisjungfrau.
"Entschuldigung, sorry." William Cavendish navigierte sich mit einiger Mühe durch die Menge, ein kleines Papierpäckchen in der Hand. Er hatte es endlich geschafft, nen Platz zu sichern. Er war losgegangen, um ein paar süße Leckereien zu kaufen – warum er darauf bestand, dies persönlich zu tun, war vielleicht am besten als ein bestimmtes ... seinem ganz eigenen Tick zu verstehen. Und so machte er sich mit gebührender Eile auf den Weg zu seiner Frau.
Über die volle Tanzfläche sah er sie stehen, ihr exquisites Profil vom Kerzenlicht beleuchtet. Das zarte Flattern ihrer Wimpern, der heitere Ausdruck in ihrem Gesicht... Er konnte nur sie sehen. Ihre lebendige Präsenz blühte vor ihm auf und überflutete ihn in ner Welle. Cavendish konnte das hektische Pochen seines eigenen Herzens hören. In den flüchtigen Lücken zwischen den Tanzpaaren zeichnete er die Linien ihrer Figur nach, sein Blick verweilte. Wenn ich sie jetzt zum allerersten Mal sehen würde, dachte er, würde ich mich genauso in sie verlieben, wie ich es getan habe.
Alicia drehte ihren Kopf, und ihre Augen trafen den ziemlich verblüfften Blick ihres Mannes. Er war in nem tiefen meeresblauen Mantel gekleidet und sah überaus flott und bemerkenswert jung aus. Ihr Kopf neigte sich leicht, ne Geste, die sofort die eisige Fassade schmolz, und ein Lächeln, das nur für ihn reserviert war, zierte ihre Lippen. Cavendish strahlte seinerseits, und mit fast jungenhafter Begeisterung eilte er zu ihrer Seite.
Er hielt ihre Hand, als er sprach, und sie hob mit ner zarten Geste seine Hand hoch und biss nen kleinen Keks von dem Mandelgebäck, das er anbot. Sie schüttelte leicht den Kopf, ne leichte Falte bildete sich auf ihrer Stirn. "Zu süß", erklärte sie, "nicht wie die vorherigen."
William Cavendish hatte in den vergangenen Jahren, als er seinen jüngeren Cousin nach Bad begleitete, immer große Mühen auf sich genommen – man könnte sogar sagen, sich gequält – um für geeignete Erfrischungen zu sorgen. Essen war natürlich von größter Bedeutung. Er war auf seine Weise ungeschickt, doch er glaubte, exquisit aufmerksam zu sein und ihren Bedürfnissen mit akribischer (wenn auch gelegentlich fehlgeleiteter) Sorgfalt gerecht zu werden.
Der Mann, mit nem Blick des völligen Unglaubens, riss den halbmondförmigen Keks, der den zarten Abdruck ihrer Zähne trug, und steckte ihn sich in den Mund. Er kaute nachdenklich. "Tatsächlich, er ist ziemlich süß", räumte er ein, sein Blick verweilte auf ihr.
Dann nahm er mit ner Kühnheit, die selbst ihn überraschte, das Glas aus ihrer Hand und trank die restliche Limonade aus. Seine Augen waren jedoch auf ihre Lippen fixiert, die jetzt mit nem Hauch von zitroneninduzierter Feuchtigkeit glänzten.
Alicia schob mit nem geübten Kniff mit ihrem Handgelenk ihren Fächer auf ihren Arm und streckte die Hand aus, ne stumme Einladung, ihn im nächsten Tanz zu führen, sobald der aktuelle beendet war.
Das Mysterium war endlich gelöst. Die aufmerksamen Augen der versammelten Gesellschaft hatten nen Urteil gefällt: Diese junge Dame war zumindest verlobt. Und, um die Wahrheit zu sagen, sie und ihr Begleiter waren nen bemerkenswert gutaussehendes Paar, selbst wenn ihre Zuneigungsbekundungen für ne öffentliche Versammlung etwas... unkonventionell waren. Aber dann waren solche Dinge für frisch verliebte Liebhaber vollkommen verständlich.
Cavendish, der die subtilen Veränderungen der Wahrnehmung um sich herum nicht beachtete, strahlte und führte sie, ihre Hand ergreifend, auf die Tanzfläche.
"Wenn man doch nur in London Walzer tanzen könnte", seufzte Cavendish zufrieden und lehnte sich in den weichen Kissen der Kutsche zurück, als sie sich auf den Heimweg machten.
Ach, ihr Walzertanzen war auf die Privatsphäre ihres eigenen Zuhauses beschränkt.
"Der Krieg sollte bald zu Ende gehen", bemerkte er. Napoleons jüngste Niederlagen machten den Ausgang ziemlich unvermeidlich, oder?!
Obwohl es natürlich wahrscheinlich noch mindestens nen Jahr dauern würde, bevor sich nen endgültiger Sieger herauskristallisierte. Angesichts seiner Erfolgsbilanz im letzten Jahrzehnt standen die Chancen bestenfalls unentschieden; er hatte keinen entscheidenden Vorteil. Die Whigs, typischerweise überzeugte Gegner des Krieges, die schon lange die exorbitanten Ausgaben des Premierministers für die Peninsular-Kampagne anprangerten, hatten sich nun bemerkenswerterweise in seltener Einigkeit wiedergefunden.
Bis der Konflikt mit Amerika jedoch beendet war, würde es keinen nennenswerten Anstieg des Engagements geben. Die Briten zogen es, wie sie es gewohnt waren, vor, ne Haltung distanzierter Beobachtung beizubehalten und gelegentlich im Topf der kontinentalen Politik zu rühren – in der Tat nen sehr britischer Ansatz.
Sie wandten ihr Gespräch auf ihre zukünftigen Reisen und stellten sich nen Aufenthalt in Paris vor. William, das muss man sagen, fand Paris eher ... unhygienisch, aber er räumte ein, dass es unbestreitbar nen Knotenpunkt für Theateraufführungen, musikalische Konzerte und natürlich die berühmtesten Künstler und Schriftsteller des Zeitalters war.
Sie begannen sogar, über potenzielle Unterkünfte zu diskutieren und einigten sich natürlich auf die Umgebung der Champs-Élysées. Und dann gab es Venedig, Florenz, Neapel – die Schritte seiner früheren Grand Tour nachzuzeichnen. Allein der Gedanke daran erfüllte ihn mit nem tiefen Gefühl der Zufriedenheit.
"Wir könnten nen Jahr bleiben, vielleicht zwei", murmelte Alicia und neigte den Kopf zurück, um ihm nen leichten Kuss auf sein Kinn zu drücken und so seine enthusiastischen, wenn auch etwas ausschweifenden Projektionen effektiv zum Schweigen zu bringen.
Cavendish machte ne Pause, seine Hand berührte sanft die Stelle, an der ihre Lippen seine Haut berührt hatten. Er blickte in ihre klaren, strahlenden Augen, die jetzt in der Krümmung seines Arms lagen, und schwang sie, ohne ein Wort zu sagen, in ner leidenschaftlichen, wenn auch etwas ungeschickten Umarmung und überschüttete sie mit Küssen.
Der Winter machte seine Anwesenheit deutlich bekannt. Sie stieg aus der Kutsche und war in nen dicken Pelzmantel gehüllt. Er rieb sich kräftig die Hände, sein Atem bildete ne kleine Wolke in der klaren Luft.
Schnee stand bevor, und damit ihre Rückkehr nach London. Bei solchen Bedingungen rauszugehen, wäre unklug, und er sorgte sich, wie es seine Gewohnheit war, darum, dass sie sich erkältete. Ne einfache Erkältung könnte sich als tödlich erweisen, und die allgegenwärtige Bedrohung durch den Konsum schwebte in seinem Geist.
Cavendish hatte es, ach, noch nicht geschafft, seine Neigung zu ängstlicher übermäßiger Sorge zu überwinden, obwohl seine Sorgen nicht ganz unbegründet waren. Er legte ihre Hände in seine Hände und wärmte ihre Wangen mit seinen Handflächen.
"Wir werden morgen zum Konzert gehen, oder?"
Alicia zog ihr Kinn ein und nickte zustimmend. Er geleitete sie mit nem schützenden Arm um ihre Taille ins Haus. In dem Moment, als der Diener die Tür schloss, hob er sie mit nem unbändigen Gefühl der Zuneigung in seine Arme.
Sie stieß nen erschrockenen Schrei aus und schlug spielerisch auf seine Schulter, aber sein Lachen, dröhnend und fröhlich, hallte die Treppe hinauf, als er sie nach oben trug. Ihr eigenes Lachen, das wie ne Quelle aufsprudelte, schloss sich bald seinem an.
"Du bist unverbesserlich!" rief sie, obwohl ihrer Stimme jegliche wirkliche Zensur fehlte.
"Ich wollte dich küssen, seit wir in den Assembly Rooms waren!" erklärte er und unterstrich seine Worte mit ner Reihe von überstürzten, etwas planlosen Küssen.
Alicia wiegte sein Gesicht in ihren Händen. Er setzte sie sanft ab und zog sie dann nah heran, presste sie gegen die Tür zurück. Er pausierte.
"Weißt du, Alicia", begann er, seine Stimme murmelte leise, seine Nase stupste sanft ihre an. Sie waren sich so nah, dass sie jede einzelne Wimper hätte zählen können.
"Als ich heute Abend zurückkehrte, in dem Moment, als ich dich sah, kam mir nen Gedanke." Ihre Wangen berührten sich, ihre Hand ruhte leicht auf seiner Brust, ihre Finger krümmten sich leicht nach innen.
"Wenn wir uns noch nie zuvor getroffen hätten, wenn heute Abend unsere allererste Begegnung gewesen wäre, hätte ich mich absolut und unwiderruflich in dich verliebt. Es wäre wie ... wie unter nem Zauber gewesen."
Er nahm ihre Hand und hob sie an seine Lippen. "Zweifellos."
"Es ist wie dieser Traum, den ich hatte. In dem Traum warst du nicht da, Alicia, aber ich wusste irgendwie, dass du irgendwo warst und dass ich dich finden würde." Er gestand, seine Stimme war dick vor Emotionen. "Ich bin nicht nervös. Meine einzige Angst war, siehst du, dass du dich vielleicht in jemand anderen verliebt hättest, nur ... bevor ich die Chance hatte, dich zu treffen."
"Es ist seltsam, ich weiß, aber ich musste es dir einfach sagen."
Als sie seinen ernsten Gesichtsausdruck ansah, spürte sie nen subtiles Flattern in ihrer Brust.
"Egal was passiert, ich würde dich finden und ich würde dich lieben. Wir sind füreinander bestimmt, William."
Selbst wenn er nicht der Erste, der Einzige war. Warum machte er sich solche Sorgen? Der er in dieser anderen Welt muss so elend sein.
Er drückte nen tiefen, langen Kuss auf ihren Handrücken.
Alicia blickte in seine dunklen, blau umwundenen Augen, und ein plötzliches Verständnis dämmerte in ihr auf. Ihre Fingerspitzen zeichneten die Linie seiner Wange nach.
"Es ist ein bisschen seltsam, Will", räumte sie sanft ein. "Aber wenn so ein Tag jemals kommen sollte, würde ich auf dich warten."
Als ob sich in genau diesem Moment ne Szene vor ihrem inneren Auge abspielte: Sie war in den Assembly Rooms und fühlte sich total gelangweilt, lustlos. Sie drehte ihren Kopf gedankenlos, und da war er. Er war ungestüm, ungestüm, eigentlich nur nen junger Mann, der völlig zerzaust aussah, sein Haar nen chaotisches Durcheinander.
Und sie lächelte.
Sie wartete darauf, dass er zu ihrer Seite eilte, ohne Reim oder Grund herausblökte: "Ich liebe dich." Obwohl es völlig absurd erschien, doch, "Meine liebe Miss, ich habe mich auf den ersten Blick in dich verliebt."
Cavendish war einen Moment lang verblüfft, sein Blick unerschütterlich.
"Danke", sagte er, nen langsames Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Ich bin wirklich der glücklichste Mann der Welt."
Vielleicht träumte Alicia, nachdem sie in seinen Armen sicher eingeschlafen war, auch noch. Sie war normalerweise ne Tiefschläferin, die sich selten von Träumen belästigen ließ.
Aber wenn sie es doch tat, schienen die Visionen so unglaublich real, aber auch ätherisch. Sie war nicht länger das Kind ihrer Eltern; alles hatte sich verändert.
Sie war in nem wohlhabenden Haushalt aufgewachsen, aber ohne Titel, ner einfachen Familie der Gentry. Ihre Adoptiveltern verehrten sie und überschütteten sie mit Zuneigung.
Und dann traf sie ihn.
Er war im gleichen Alter wie jetzt, akribisch gekleidet, auffallend gutaussehend, mit nem flapsigen Lächeln auf den Lippen.
Er war absolut gesetzlos, seine Art, mit ihr zu sprechen, schockierend informell.
Er bemerkte ihre gelegentlichen Versuche, seinem Blick auszuweichen.
Und dann dieser flüchtige, trostlose Satz: "Wenn du doch nur meine Schwester wärst. Dann würde es mir egal sein, wen du liebst, es würde mir nicht solche Schmerzen bereiten."
Sie spürte mit nem Stich das Gewicht seiner Trauer.
Alicia wollte nicht, dass der Traum weiterging. Und so öffnete sie ihre Augen. Sie sah ihn an, der fest schlief.
Sie stand auf und sah ihn eingehend an. Er war genau derselbe, aber ... anders. Der er in ihrem Traum war zynischer, mehr ... verbittert.
Er war von ner Schar von Bewunderern umgeben, aber völlig allein. Er würde sie immer aus der Ferne beobachten, seine Lippen zu ner dünnen Linie gepresst.
Jetzt hielt er sie fest, ihre Körper eng miteinander verbunden, ne vertraute Nähe, Haut an Haut, kein Faden Kleidung zwischen ihnen.
Seine Haut war warm, fast fiebrig, ne Hitze, der sie sich anfangs widersetzt hatte, die sie aber jetzt zu schätzen gelernt hatte, zu brauchen.
Alicia berührte sanft den Mundwinkel.
Sie regte sich leicht, und er erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, sein Ausdruck erweichte sich sofort vor Sorge. Die Geduld, die er über ihre gemeinsamen Jahre hinweg kultiviert hatte, ne Geduld, die sich einst nur als subtile Furche auf seiner Stirn manifestierte, war jetzt absolut tief verwurzelt.
"Was ist los, Alicia?" fragte er, seine Stimme heiser vom Schlaf.
Alicia kniff spielerisch seine Wange, ne Geste, die er mit amüsiertem Nachsicht duldete. Sein Kiefer war rau mit Stoppeln. Seine Lippen, weich und biegsam, wurden jetzt sanft (und ziemlich gründlich) von ihren Fingern manipuliert.
"Nichts", murmelte sie.
"Hmm." Cavendish blickte zum Fenster und schätzte die Zeit zwischen drei und vier Uhr morgens. Konnte sie nicht schlafen?
Er zog sie näher, seine Stimme brummte leise an ihrem Ohr: "Hast du nicht gut geschlafen, meine Liebe?" Er drückte seine Hand auf ihre Stirn und suchte nach Anzeichen von Fieber.
Sie stützte sich auf nen Ellbogen und schüttelte den Kopf. "Nein. Ich ... liebe dich einfach mehr", sagte sie leise.
"Was?" Cavendish war sofort hellwach, sein gutaussehendes Gesicht noch immer in ihren Händen.
Er sehnte sich danach, dass sie diese Worte wiederholte, aber sie schwieg. Er, weit demonstrativer als sie, brodelte förmlich vor Aufregung.
"Sag es mir, Alicia!" forderte er sie auf, seine Worte waren ein durcheinandergebrachtes Getümmel.
Sie schloss einfach die Augen, ein kleines, rätselhaftes Lächeln spielte auf ihren Lippen.
Allein der Gedanke, ihn zu verlieren, selbst in nem Traum, erfüllte sie mit tiefer Traurigkeit.
Cavendish strich ihr langes, goldenes Haar, nen zufriedenes Lächeln zierte seine eigenen Lippen.
Er war glücklich, wirklich glücklich.
Wer könnte glücklicher sein als er? Vielleicht nur der er von morgen.