Kapitel 109
„Tschüss Oma, ich hab dich lieb!“ Ich hab sie fest gedrückt, ich sehe sie so selten, deswegen ist Abschiednehmen immer so scheiße.
Sie hat mir auf den Rücken geklopft und George gerufen, um mich zum nächsten Bahnhof zu fahren. Mama und Papa sollten jetzt zu Hause sein. Morgen beginnt mein Uni-Leben. Neue Freunde, neue Umgebung und neue Erfahrungen. Normale Leute wären wegen diesem Anfang aufgeregt, aber ich hab andere Sachen, um die ich mich kümmern muss, als Freunde finden und beurteilt werden.
Ich bin in den Pickup-Truck gesprungen, George hat den Motor gestartet und ist aus der Einfahrt gefahren. Ich hab meine Hand aus dem Fenster gehalten und gewunken und zugesehen, wie Oma im Rückspiegel zurückgewunken hat.
Ich hab mir in meinem Handy schnell eine Liste gemacht mit den Sachen, die ich morgen vorbereiten muss. Eine Tasche, Ordner, Notizbücher; die übliche Schreibwaren-Sache. Nachdem ich die Liste abgetippt hatte, hab ich mein Handy gesperrt und weggepackt.
„Na, bald Uni-Luft schnuppern?", hat George mich gefragt, beide Augen immer noch auf der Straße.
„Joa", hab ich mit leiser Stimme gemurmelt. Meine Augen sind zu der verschwommenen Landschaft draußen am Fenster gewandert, als wir an ihr vorbeigefahren sind.
„Du scheinst nicht allzu glücklich zu sein? Nicht aufgeregt?", hat George weitergebohrt. Ich hab ihn angesehen und ihm kurz angelächelt, bevor ich meinen Kopf wieder zum Fenster gedreht habe. „Ich bin aufgeregt. Ich bin nur müde und in letzter Zeit ist so viel passiert." So wie, dass einer meiner besten Freunde sich als kranker Psycho entpuppt hat, der Typ, den ich geliebt habe, von genau diesem besten Freund so manipuliert wurde, dass er mich hasst, und ein anderer guter Freund sich als Spion herausgestellt hat.
Ich war nicht gerade in Stimmung, Witze zu machen, Smalltalk zu halten oder über irgendwas zu lachen.
George hat verständnisvoll gebrummt und nach der Radio-Taste gegriffen, um die Stille zu füllen. Ich hab den Rest der Fahrt weiter gechilled, bis wir den Bahnhof erreicht haben und ich die Transportmittel gewechselt habe, um meine Heimreise fortzusetzen.
Ich hab versucht, mich während der ganzen Autofahrt wach zu halten, aber es wurde schwierig. Mein Körper hat sich nach den Tagen des Trainings mit Herr Huang ausgelaugt angefühlt. Leider war ich mir immer noch nicht sicher, ob das, was ich gelernt habe, ausreicht. Ich war nicht zuversichtlich, dass das, was ich gelernt habe, tatsächlich mein Leben im Ring retten kann. Ich muss den Wettbewerb nicht gewinnen, ich muss ihn nur überleben, den Psycho besiegen und das Straßenkampf-Leben für immer aufgeben.
Die Probleme, die ich hatte, reichten aus, um mich eine Weile zu beschäftigen und jede Motivation für Straßenkämpfe zu beseitigen. Ich kann einfach jeden von Doms Anhängern abgreifen, um mich auszutoben, wann immer ich das Bedürfnis habe, jemanden zu verprügeln. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, war ich von all diesen Dramen und Konflikten erschöpft. Ich wünschte, eines Tages würde alles verschwinden, ohne dass ich mich ihnen stellen muss. Aber das passiert natürlich fast nie. Ich musste mich damit befassen.
Ich hab mein Haus in der Nacht erreicht, nachdem ich noch einen Zwischenstopp im Schreibwarenladen eingelegt hatte, um ein schnelles Last-Minute-Shopping zu machen. Mama und Papa haben mich mit einer schnellen Umarmung begrüßt, und wir haben Abend gegessen, obwohl ich mich nicht lange aufgehalten habe. Ich hab mich entschuldigt, mich früh auszuruhen, damit ich mich morgen konzentrieren kann. Ich wollte in den ersten paar Wochen meines Kurses nichts verpassen. Es wäre eine Katastrophe für den Rest meines Studiums, wenn ich die grundlegenden Grundlagen nicht verstehe. Ich hab genug Ablenkungen, um meine 3 Jahre Hochschulbildung zu überstehen. Also muss ich mein Bestes geben, um mein Privatleben von meinem Studium zu trennen. „Privatleben" im Sinne all der Probleme, die sich scheinbar jede Sekunde anhäufen, in der ich nicht aufpasse.
Wer hätte gedacht, dass mich das Highschool-Drama auch in der Uni verfolgen würde. Das ist echt beschissen. Was ist mit diesem „Neustart", von dem alle reden, wenn sie in die Uni gehen?
Vor weniger als einem Jahr ging es mir gut, ich hatte fantastische Freunde, hab einen wunderbaren Typen kennengelernt und konnte meine Studienleistungen toppen. Ich war am Gipfel der Welt und plötzlich ist alles auf mich gestürzt. Und all das ist passiert, weil ich mich entschieden habe, illegal Straßenkämpfe zu machen. Warum konnte ich nicht in ein Fitnessstudio gehen oder so was. Ich bin ein Idiot. Ich hätte Teilzeit arbeiten können, um das Waisenhaus weiterhin zu unterstützen. Ich hatte genug Geld, das ich spenden konnte. Aber nein, natürlich dachte die kleine Casey, dass es eine super tolle Idee war, in das Straßenkampf-Geschäft einzusteigen. Doofkopf.
Ich bin in der „Ich bereue alles, was ich getan habe"-Phase und beneide die Leute, die sich nur um „Ich hätte die anderen Schuhe kaufen sollen" oder „Ich hätte das Eis kaufen sollen" kümmern müssen.
Ich schätze, ein Teil der Ereignisse, die zu dieser Situation führten, in der ich steckte, lag außerhalb meiner Kontrolle; so wie Bryants Entscheidung, Doms Wahnsinn, Adams Mutter erkrankte. Aber wenn ich mich nicht mit Adam angefreundet hätte, wäre er auch nicht in diesem Kreis gefangen gewesen. Das Mindeste, was ich hätte tun können, war, Adam da rauszulassen. Ich hätte einen stärkeren Entschluss haben sollen, Adam aus dieser Schleife rauszuhalten. Ich hab mich verliebt, und das ist dabei herausgekommen.
Ich konnte mir kein Leben vorstellen, in dem ich mich nicht mit Adam angefreundet hätte, aber es wäre besser für ihn gewesen, wenn er mich nie mit seinen Augen erblickt hätte. Verdammt seine Neugier und Torheit. Welcher dumme Typ würde sich auf das stille Mädchen hinten im Unterricht einlassen, das Leuten Todesblicke zuwarf, wenn sie es auch nur anschauten?
Ich war wütend auf mich selbst und ich war wütend auf die Leute, auf jeden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich weiß nicht einmal, ob ich seine Familie noch besuchen kann, wenn er an der Vorstellung festhält, dass ich Carla getötet habe. Ich wusste nicht einmal, wie er zu dieser Schlussfolgerung gekommen ist.
Nachdem ich mich in mein Zimmer zurückgezogen und mich umgezogen hatte, klingelte mein Handy. Prestons Name erschien auf dem Bildschirm und ich hab sofort abgehoben, weil ich Angst hatte, dass mit Adam etwas nicht stimmt. Er mag psychotisch geworden sein, aber der Typ, in den ich mich verliebt habe, steckte immer noch irgendwo da drin, und ich musste sicherstellen, dass ihm nichts passiert, bis er zu mir zurückkommt.
„Was ist los?", fragte ich. Preston seufzte, wahrscheinlich genervt, dass ich ihn noch nie wie ein normaler Mensch begrüßt hatte. Pff, er sollte wissen, dass ich alles andere als normal war.
„Der Schlag, den du meinem kleinen Bruder auf den Kopf gelandet hast, war vielleicht härter, als du dachtest", sagte Preston mit einem flachen Ton. Ich konnte spüren, wie mein Herz in den Bauch rutschte und flüsterte ein „Was?" durch die Leitung.
„Was meinst du?", fragte ich ins Telefon. Meine Hand hatte sich vor der Angst, die mich packte, entspannt, und ich musste das Telefon mit beiden Händen festhalten, um sicherzustellen, dass es nicht zu Boden rutschte.
„Ach, beruhig dich, Frau. So war das nicht gemeint. Atme, Adam geht's gut. Er hat nur Flashbacks. Es ist, als hättest du seine Erinnerungskiste geöffnet und jetzt erinnert er sich an ein paar Dinge."
Das ließ mein Herz einen Schlag aussetzen und ich erinnerte mich still daran, für eine Sekunde zu chillen. Ich muss mich beruhigen.
„Ich glaube, er hat sich daran erinnert, zu einem Lagerhaus und einer Wiese gegangen zu sein. Jake hat mich gestern angerufen, um mir zu sagen, dass Adam ihn angerufen und gefragt hat, ob Jake wusste, mit wem er an diesen Orten war. Warst du mit ihm da, Case?" Ich biss mir auf die Lippe und versuchte, meine widersprüchlichen Gefühle zu unterdrücken. Mein Gehirn sagt mir, ich soll die Scheiße einfach hinter mich bringen und Adam die ganze Wahrheit erzählen, aber mein Herz ist zerrissen. Ich hab ihm schon genug Leid zugefügt. Ich kann ihn da nicht mehr reinziehen.
Ich versuche, mich zu distanzieren und ihm die Chance zu geben, zu verschwinden. Vielleicht, nachdem das Universum sieht, dass er niemand ist, mit dem sie mich verletzen können, wird all das seine Krallen aus seinem Leben lösen. Vielleicht lassen sie ihn dann in Ruhe.
Ich weiß, dass er schon in diesem Chaos verstrickt ist. Aber ich hoffte, dass er schlau genug sein würde, sich da rauszugraben und sein Leben so zu leben, wie er es vor meiner Ankunft getan hat. Vielleicht könnte er ein anständiges Mädchen finden, das nicht all diese Last mit sich herumschleppt. Genug ist genug.
„Vielleicht ist es an der Zeit, alles auf den Tisch zu legen, Case. Bist du es nicht leid, all diese Ausreden zu erfinden, zu lügen und dich zu verstecken?" Und einfach so ist mein Argument zu Staub zerfallen. Ja, ich bin es leid. Ich bin mehr als erschöpft. Ich will einfach mein Leben fortsetzen und den Traum leben.
„Liebst du meinen Bruder nicht immer noch?", Na klar tue ich das. Wie soll ich überhaupt aufhören?
„Ich muss los, Pres. Danke, dass du mich auf dem Laufenden gehalten hast. Ruf mich an, wenn noch was ist", sagte ich mit abgehackter Stimme und legte auf.
Ich konnte meine Emotionen nicht mehr zurückhalten. Gleich nachdem ich aufgelegt hatte, entwich ein Schluchzen meinen Lippen und Tränen begannen, meine Wangen hinunterzulaufen. Es war zu egoistisch von mir, mir zu wünschen, dass Adam sich an mich erinnern und vor meiner Tür erscheinen würde; mir zu wünschen, dass er eine Erklärung dafür verlangen würde, warum ich ihn all diese Lügen glauben ließ; mir zu wünschen, dass er seine Arme um mich legen und mich davon abhalten würde, auseinanderzufallen. Aber obwohl ich all das wusste, wünschte ich mir immer noch, dass es passieren würde.
Ich will meinen Adam zurück.