Kapitel 7 Der böse Mann
Anna war tief am Schlafen, bevor sie aufgeweckt wurde. Sie rollt sich um.
"Hi, Mary."
"Hi, Anna," fragt Mary, "wo warst du denn heute? Ich hab am Stall auf dich gewartet."
Anna setzt sich auf. "Sorry, ich war mit meiner Mom in der Stadt."
"Ist okay, klingt nach Spaß. Ich bin früher auch mit meinen Eltern in die Stadt gegangen… bevor sie weggegangen sind."
"Wo sind sie denn hingegangen?"
"Weg, mehr nicht. So, wo warst du denn?"
"Zuerst waren wir in der Bibliothek…"
Mary unterbricht, "Die Bibliothek?"
"Ja. Danach sind wir meinen Papa in seiner Arbeit besuchen gegangen; und dann waren wir essen."
"Du hast Glück, du kommst rum und machst coole Sachen."
"Vielleicht kannst du ja mit uns mitkommen…" Anna stoppt; sie erinnert sich, dass ihre Mom nicht mehr will, dass sie mit Mary spielt.
"Nee, ich kann hier nicht weg."
Mary nimmt eine von Annas Puppen vom Bett und fängt an, ihr mit den Händen die Haare zu bürsten. Anna ist jetzt ein bisschen erleichtert, dass sie nicht Mary einladen muss; aber sie ist auch verwirrt.
"Warum kannst du nicht weg?"
"Kann ich einfach nicht."
Es herrscht einen Moment Stille, dann fragt Mary…
"So, was hast du denn in der Bibliothek gemacht?"
"Ich hab ein paar Bücher angeschaut. Die hatten so eins, voll cool über Kätzchen."
Mary sitzt da und bürstet die Puppe, vermeidet es, Anna anzusehen. "Und; was hat deine Mom da gemacht? Was hat sie angeschaut?"
Jetzt schaut Mary auf und dreht sich zu Anna, wartet auf ihre Antwort.
"Ich weiß nicht, sie ist in einen anderen Teil der Bibliothek gegangen."
"Welcher Teil der Bibliothek?"
"Ich weiß nicht. Sie hat gesagt, sie muss was nachschlagen; und hat mir gesagt, ich soll im Kinderbereich auf sie warten."
Mit einem wütenden Ton in der Stimme, schnauzt Mary, "Was hat sie denn nachgeschlagen?!"
Anna ist von Marys Ausbruch geschockt. "Ich…ich…ich weiß nicht. Sie hat nichts gesagt."
"Oh." Mary wendet sich wieder der Puppe zu.
Anna ist verwirrt; Mary war noch nie sauer auf sie. "Was ist los, Mary?"
"Nichts," sie legt die Puppe hin und sieht Anna an, "ich hab's nur vermisst, heute mit dir zu spielen. Ich war einsam."
"Tut mir leid."
"Ist okay, wir können doch morgen spielen, oder?"
Anna steht auf und geht zu ihrer Kommode. Sie versucht zu überlegen, wie sie Mary sagen soll, dass sie nicht mehr mit ihr spielen kann. Mary geht hinter sie.
"Anna, wir können morgen spielen, oder?"
Anna spricht leise unter ihrem Atem, "Ich kann nicht mehr mit dir spielen."
"Was?" Mary kommt näher. "Ich hab nicht gehört, was du gesagt hast. Anna?"
Etwas lauter, aber immer noch leise, "Ich hab gesagt, ich kann nicht mehr mit dir spielen, Mary." Sie dreht sich um und blickt Mary ins Gesicht. "Meine Mom will nicht mehr, dass ich mit dir spiele. Ich darf auch nicht mehr zum Stall."
Mary dreht sich um und stürmt auf Annas Bett zu; taucht kopfüber hinein und weint. Anna geht zu ihrer Freundin.
"Bitte wein nicht, Mary. Tut mir leid. Ich will mit dir spielen… Es ist meine Mom, sie sagt, ich darf nicht."
Weinend, "Warum?"
"Ich weiß nicht."
"Das ist nicht fair! Alle meine Freunde gehen weg! Warum?" Mary bricht wieder zusammen, mit dem Gesicht wieder in der Matratze und weint.
Anna streichelt Marys Haare. "Wein nicht, ich bin trotzdem deine Freundin. Ich spiel mit dir… Nur nicht am Stall."
Mary setzt sich auf und schnieft, während sie sich die Nase abwischt. "Wo dann?"
Anna schaut sich um. "Warum nicht hier, in meinem Zimmer?"
"Okay. Danke, Anna." Mary umarmt Anna.
Mary steht auf, geht zu Annas Schlafzimmerfenster und schaut auf den Stall. Anna bleibt auf dem Bett sitzen und beobachtet sie; sie macht sich Sorgen, was ihre Mom tun wird, wenn sie herausfindet, dass sie ihren Befehlen nicht gehorcht.
"Anna, ich glaube, ich weiß, wonach deine Mom heute in der Bibliothek gesucht hat."
"Was?"
"Schlimme Dinge sind an diesem Ort passiert… Sehr schlimme Dinge."
Anna steht auf und bleibt neben dem Bett stehen. "Was?"
"Es gab einen bösen Mann… Einen sehr, sehr bösen Mann. Er hat Leuten in der Stadt Dinge angetan… Und in diesem Haus."
Anna geht auf Mary zu und hält auf halbem Weg an. "Hat er dir auch Schlimmes angetan?"
Mary schweigt einen Moment, bevor sie antwortet. "Ja."
"Was hat er denn getan?"
"Das kann ich nicht sagen. Er könnte mich verfolgen."
Anna geht ein paar Schritte näher. "Ist er noch da draußen?"
"Ja."
Anna schaut nervös um sich. "Kommt er jemals hierher zurück?"
Mary schaut Anna an, sagt aber nichts; dann dreht sie sich um und schaut wieder aus dem Fenster. Anna rennt zu Mary und, packt sie an den Armen, dreht Mary um, so dass sie sie ansieht.
"Kommt er hierher zurück?"
"Ja…manchmal."
Anna geht feierlich zu ihrem Bett zurück, nimmt ihren Teddybären und drückt ihn an ihre Brust, während sie ihr Kinn senkt. Dann schaut sie hoch.
Mary ist weg.