Kapitel 29
Gerade dann pfiff der Wind so heftig, dass Winnie keine Zeit zum Reagieren hatte, bevor der Anzug, der über ihren Schultern hing, weggeblasen wurde. Sie drehte sich instinktiv halb um und blickte dorthin, wo der Wind herkam.
In diesem Moment sah Van die leichte Röte in ihren Augen.
Der Kristallleuchter, der im Flur hing, zitterte vor dem Wind, und die funkelnden Kristallsäulen stießen zusammen und machten ein Geräusch wie Windspiele.
Van blieb stehen, beugte sich und hob den Anzug der Frau auf, der vor ihm gefallen war. Als er aufstand, sagte er kein Wort, sondern blickte nur Winnie an.
Das Licht des Kronleuchters schimmerte wie Wellen in einem Teich, begleitet von der Bewegung ihres weißen Abendkleides.
Vom Durcheinander zur Ruhe gewann Winnie sofort ihre Fassung zurück. Sie wandte sich an Yulia und wies sie an: „Geh und bedank dich bei Herrn Marlowe.“
Yulia war nur ein paar Schritte gejoggt, bevor sie stehen blieb, denn Herr Marlowe hatte die Initiative ergriffen und war auf sie zugegangen. Er schüttelte den Anzug aus und legte ihn Winnie wieder über die Schultern, sein Gesichtsausdruck war immer noch ruhig und ungerührt.
Als sie nach draußen traten, hatte der Fahrer respektvoll die hintere Tür des Benz-Vans geöffnet und stand daneben. Winnie ging instinktiv auf das Auto zu, bereit einzusteigen, als Vans leise Stimme erklang: „Setz dich nach vorne.“
Nicht nur Winnie, sondern alle anderen Anwesenden waren einen Moment lang wie betäubt, ihre Gesichter voller Verwirrung.
Winnie bewegte sich nicht, hielt den Anzug fest in ihren Händen und blickte ihn verwirrt an. Van hatte das Auto jedoch bereits umrundet und die Fahrertür mit einer Hand geöffnet. „Ich fahre diesen Benz.“
Eric hustete und versuchte, ihn zu erinnern: „Aber du—“
Van ließ ihn nicht zu Ende reden und antwortete ruhig: „Ich weiß.“
Eric hatte immer noch Fragen: „Und was ist mit—“
„Eine halbe Stunde. Lass sie warten“, unterbrach Van.
Eric hakte nicht weiter nach und stimmte schnell zu: „Verstanden.“
Winnie blieb still. Van warf einen Blick auf sie und sagte: „Steig ein.“
Mit einem lauten Knall schlug er die Tür zur Fahrertür zu und der Motor heulte auf.
Winnie griff widerwillig mit einer Hand nach dem Kragen des Anzugs und hob mit der anderen den Saum ihres Kleides, als sie sich bückte, um ins Auto zu steigen. Yulia, immer noch verwirrt, ging in Richtung Rücksitz, aber Eric hielt sie schnell auf.
Yulia blinzelte überrascht.
Eric antwortete: „Setz dich in den Maybach. Der ist teurer.“
Er schloss die hintere Tür, und nach einer Sekunde durchschnitten die vorderen Scheinwerfer des Benz die Nacht, fuhren mit Eleganz und stiller Anmut davon und verschwanden aus dem Blickfeld.
Die intelligente Sprachansage des Smartphones veranlasste Van zu einem kalten, gleichgültigen Lachen.
„Eine halbe Stunde würde nicht reichen, um von deinem Ort zum nächsten Ziel zu kommen. Ich habe nie gesagt, dass ich dich nach Hause bringe.“
„Meister Marlowe, was meinen Sie?“, fragte Winnie.
Nach dem Essen war er von „Herr Marlowe“ zu „Meister Marlowe“ geworden.
Van umklammerte das Lenkrad, die Augen nach vorne gerichtet, seine Hände am Lenkrad zeigten hervorstehende Adern. „Jetzt, wo du keine Angst mehr vor mir hast und mich Meister Marlowe nennst, wirst du mich beleidigen.“ Sein Ton war schwer zu interpretieren, was seine Emotionen schwer lesbar machte.
Winnie presste die Lippen zusammen. „Na und?“
„Na, nichts. Nur dass ich dich vielleicht auf halbem Weg rausschmeißen und dich am Straßenrand stehen lassen könnte.“
„Das glaube ich nicht.“
Van trat auf die Bremse und brachte den Benz sanft zum Stehen. Er wandte sein Gesicht ihr zu. „Steig aus.“
Winnie atmete ein paar Mal tief durch und schnallte sich dann entschlossen ab. Gerade als sie die Tür öffnen wollte, packte Van ihr Handgelenk. Ein Klick ertönte – das Geräusch, als die Autotür verriegelt wurde. Weil Van den Knopf gedrückt hatte, wirkte die Aktion beunruhigend überlegt.
Eine Mischung aus Frustration und Wut überflutete Winnies Brust. Ihre Augen röteten sich noch mehr, als sie ihn trotzig ansah. „Meister Marlowe, was meinen Sie?“
„Miss Loxley“, sagte Van mit ruhiger Stimme, „Eine stolze Person wie Sie kann so etwas nicht tun.“
Winnie erstarrte. Ihre Emotionen, so kompliziert und überwältigend, dass selbst sie sie nicht verstehen konnte, stiegen plötzlich an, überschwemmten alles und enthüllten ihr vergangenes Verhalten, wodurch sie sich verletzlich und missverstanden fühlte.
Van verkrümmte die Mundwinkel zu einem halben Lächeln, sein Blick war ruhig, aber eindringlich. Sein Ton war jedoch lässig. „Eine Frau, die so etwas nicht kann? Ich würde sie nicht in mein Bett kriechen lassen. Du solltest wissen, dass solches Vergnügen auch etwas Talent erfordert.“
Winnie öffnete ihre Lippen zu einem halben Lachen, ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Verwirrung und Belustigung, als fände sie die ganze Idee absurd.
Van kicherte leise, beugte sich vor und schnallte ihren Sicherheitsgurt mit einem sanften Klick ab. Sie waren jetzt ganz nah, nah genug, um den Atem des anderen zu spüren. Der schwache Duft von etwas Beruhigendem verweilte leicht um Winnies Nase.
Winnie hatte das Gefühl, ihr Herz würde wie eine Wolke am Nachthimmel schweben. Obwohl sie still saß, wurde sie von einem Gefühl der Schwerelosigkeit erfasst.
Sie konnte ihn nicht durchschauen, noch konnte sie die Situation fest im Griff haben.